Einengungen und Bevormundungen (Beitrag 17/2017)

Ich schwitze wie eine Sau. Schwitzen Säue überhaupt, ach keine Ahnung, ist auch egal. Bei 36 Grad Außentemperatur, einem Besprechungssaal zur Südseite hin und geöffneten (!???) Fenstern erwartet mich/uns nach zwei Zeugniskonferenzen jetzt auch noch eine Dienstbesprechung. Den Einladungszettel habe ich als Fächer gefaltet, nützt aber auch nichts. 

Katja winkt mir zu, sie hat wie üblich einen Platz freigehalten. Woher nimmt sie nur die Kraft zum Winken, mein Gott ist das heiß hier.

„Was hat Brause uns denn heute zu verkünden? Muss ja sagenhaft wichtig sein“, gähne ich Katja entgegen.

„Irgendwas mit Datenschutz. Da hätte er auch Info-Zettel austeilen können und fertig.“

Und dann gings los, ein ellenlanger Monolog über Verwendung personenbezogener Daten in der Schule, was wir zu beachten haben, was Eltern zu beachten haben, ja kein privater Laptop im Unterricht und wenn, dann ….gähn, seufz, ächz…ist das heiß.

Der Schluss ließ dann einige im Saal aus ihrem Dämmerzustand erwachen. Kommunikation mit Schüler ja, aber ohne WhatsApp. Brause verliest einen Brief des zuständigen Referenten der ADD (Schulaufsicht), diese Buchstaben drehen einem den Magen um. Es sei verboten, sich mit Schülern in WhatsApp Gruppen auszutauschen, in allen sozialen Netzwerken. Nichts Neues, mir egal, uns allen in der Reihe egal. Brause will allerdings eine WhatsApp freie Schule, und das erzeugt dann doch den Unmut vieler. Alle sollen unterschreiben, dass sie keinen WhatsApp Kontakt mit Schülern pflegen. Getöse und Genörgel, Gezeter und Generve… Allen ist klar, er will die Unterschrift nur für sich, damit er Ruhe hat und Sicherheit, damit er den Idioten der ADD und des Ministeriums entsprechen kann, er übt die Macht aus und gibt den Druck von oben an uns weiter.

Aber nicht mit uns. Keiner unterschreibt, das ist hier jedem klar. Die Refis werden schief angeguckt, Blicke reichen, um sie zum Schweigen zu bringen. Schluss. Nach weiteren 10 Minuten wird die Besprechung mit Vertagung der Thematik auf die nächste Gesamtkonferenz beendet, da brummelt ein Handy.

„Was ist das?“, ruft Brause in die Masse.

„Das ist Sabrina vom Schulorchester. Sie hat mir eine WhatsApp geschrieben, dass sie gleich nicht zur Probe kommen kann, da sie einen Unfall hatte. Im Sekretariat konnte sie niemandem Bescheid geben, die haben ja schon Feierabend“, ruft Thomas ihm entgegen.

„Wie gut, dass er eine WhatsApp Gruppe gegründet hat, ansonsten würde er die Information gar nicht bekommen und würde sich bestimmt große Sorgen machen, wo Sabrina denn bleibe“, säuselt Katja noch nach vorne.

Applaus im Publikum, Stirnrunzeln bei Brause.

Jetzt mal ehrlich: wir sollen digitale Medien im Unterricht einsetzen, wir sollen mit den Schülern im 21. Jahrhundert ankommen…alles Floskeln des Bildungsministeriums in jeglicher öffentlichen Meinungsäußerung, in jedem Flyer zu lesen. Doch Smartphones werden unter Hausverbot gestellt, soziale Netzwerke werden verboten. Satt dessen soll man eine schulische Lernplattform, nennt sich Moodle und ist der größte Schwachsinn, zur medialen Kommunikation nutzen. Schlecht nur, dass es für Moodle keine App gibt, schlecht weiterhin, dass man diese Lernplattform einsehen kann, wenn man es richtig anstellt, sie befindet sich auf landeseigenen Servern.

Ich würde mein Lebtag keine Klassenarbeit ankündigen per WhatsApp oder Noten darüber bekanntgeben. Ich kenne auch niemanden, der das tut. Aber was ist denn schlecht daran, die Beziehung zu Schüler darüber zu pflegen, ein paar nette Grüße darüber zu verschicken oder auch mal mitzuteilen, dass man krank ist und morgen nicht kommt, weil es keinen Online Vertretungsplan gibt wie an anderen Schulen? Was ist schlecht daran, seine Schüler am Abend nochmal an etwas zu erinnern, was in der Schule bekanntgegeben wurde, damit sie es nicht vergessen? Wie weit Lehrer und Schüler damit gehen, kann man festlegen und klar regeln, wer es überhaupt in Anspruch nimmt, kann jeder als Lehrer auch selbst bestimmen. Ich persönlich habe zwei Handys, eins für die Schule (bleibt am Wochenende stumm) und mein privates. Und selbst auf dem Schulhandy bin ich noch nie gestalkt, genervt oder beleidigt oder beschimpft worden. Die Schüler nutzen es den ganzen Tag, die Eltern auch, also warum sollen wir uns bevormunden lassen von solchen geistreichen Behörden wie der ADD?

Ich besitze alle Handynummern meiner Schüler, Eltern und Kollegen, bin in zahlreichen WhatsApp Gruppen und kann keinen einzigen Schaden oder Nachteil erkennen. Es ist zeitgemäß und es funktioniert wunderbar und oftmals auch schnell. Ich fühle mich wohl damit, die Schüler sowieso, meine Eltern erst recht. Also bitteschön. Ich lasse es mir nicht verbieten, ist mir an dieser Stelle wirklich mal sch…egal. Verbeamtet hin oder her, aber es gibt Grenzen. Wenn ihr in Koblenz, Trier, Neustadt und Mainz (Schulaufsichtsämter, Ministerien, Landtag) alle der Meinung seid, dass Smartphones und soziale Netzwerke nichts in Schulen zu suchen haben, dann fangt doch mal damit an, eure Handys im Büro zu lassen, bevor ihr euch in den Landtag setzt, die Handys stumm zu schalten, bevor ihr Lehrproben abnehmt, löscht ihr mal allen voran eure Twitter- und Facebook Accounts  … also ehrlich!

LG aus dem Lehrercafe, eure Alexa whtsapp

 

 

Advertisements

29 Gedanken zu “Einengungen und Bevormundungen (Beitrag 17/2017)

  1. Frei nach dem ADD – Motto: Wasch mich, aber mach mich nicht nass. Die Schulen sind nicht durchgängig im Sekretariat besetzt, wer soll da anrufen? Wir sollen mit neuen Medien arbeiten, aber die technischen (und personellen Admin-) Voraussetzungen sind unbrauchbar. Privatgeräte darf man nicht.

    Klar gibt es Cybermobbing und Cyberbashing gegen Lehrer, aber durchaus auch dann, wenn diese nicht FB und co benutzen. Das ist wie bei den Zeugen Jehovas: Geburtstage werden nicht gefeiert, weil der biblische Herrscher bei einer Feier im Suff Johannes den Täufer Köpfen ließ. Man könnte sich ja bei einer Geburtstags – Party besaufen und die Kontrolle über sich verlieren. Als ob man das an den anderen Tagen nicht könnte! Da sollten wir eigentlich auch Küchenmesser generell verbieten, immerhin könnte damit auch wer verletzt werden.
    Fragwürdig, das.

    Gefällt 1 Person

  2. Da musste ich aber so richtig lachen beim Lesen. Ja, genau. Einengen und bevormunden. Das ist üblich in RLP. Mich interessiert das auch null. Als Lehrer muss man WhatsApp anbieten, ansonsten kommst du bei den Kids nicht mehr weit.

    Gefällt 1 Person

    • Ja, man kann das ganze alles nur mit Humor nehmen.
      Ob man es nun muss, ist die Frage. Es gibt ja auch Lehrer, die diesen „Service“ nicht anbieten und die leben auch noch. Aber man verbessert sicherlich so seinen Beziehungsstand und vor allem, man geht mit der Zeit.

      Gefällt 1 Person

  3. Oh man, Alexa, wie geil ist das denn geschrieben. Klasse Artikel. Wir hatten auch eine ähnliche Dienstbesprechung. Bei uns hat das gesamte Kollegium gelacht. Wer bitte kommuniziert heute nicht über WhatsApp mit Schülern bitte? Ü 60 vielleicht oder irgendwelche Schleimer, die in die obere Etage klettern wollen. Aber alle Normalis sind ja wohl im Club. Das Unterschreiben grenzt schon an Erpressung. Gut, dass ihr das nicht gemacht habt. Hoffentlich hält das Kollegium in der Gesamtkonferenz zusammen. Das ist echt unglaublich, was Brause da vor hat. Liebste Grüße aus der BBS Ahrweiler, ich liebe euren Blog! Nicht selten ist er auch Gespräch im Lehrerzimmer😂

    Gefällt 1 Person

    • Danke für die Blumen…
      Wie gut, dass du auf die Erpressung aufmerksam machst. Genauso haben es die meisten tatsächlich auch empfunden und direkt geäußert, dass es hierzu keinen Beschluss geben kann. Und: liebe Grüße nach Ahrweiler, wir freuen uns, die dortige Lehrerzimmergemeinschaft zu bereichern…

      Gefällt mir

  4. ADD, diese kompletten Vollidioten. Aber wahrscheinlich haben die mal wieder Post von ganz oben bekommen und gebens unbedacht weiter. Diese ganzen Datenschutzrichtlinien haben wir auch bekommen, ist aber schonn länger her. Zettel zerknüllen und ab ins Mülleimerchen. Schade ums Papier.

    Gefällt 1 Person

  5. Ja, ja, seid hip und modern. Nutzt alles, was euch zur Verfügung steht. Und wenn man dann will, geht kein Laptop, kein Beamer, Verlängerungsschnur fehlt. Unmöglich. Ergo, selbst ist der Mann, IPad und co. in die Schultasche und dann gehts los. Waaaas privates Zeugs? Verboten. Wo leben wir hier? Im Mittelalter? Nicht zu fassen! Bei uns gibts noch nicht mal W-LAN. Zum Thema Whatsapp, haltet durch. Wir simsen und whatsappen auch alle.

    Gefällt mir

  6. Was mich persönlich noch viel mehr stört an der Datenschutz-Manie unserer Dienstherren ist die Tatsache, dass man „schülerbezogene Daten (Noten, Fehlzeiten, vergessene Hausaufgaben etc.)“ nicht auf privaten Rechnern speichern darf, ohne a) die Einwilligung der Schulleitung eingeholt zu haben und b) eine Einverständniserklärung abzugeben, „dass Privatgeräte wie dienstliche kontrolliert werden können“ (Zitate aus dem Flyer „Schulischer Datenschutz“).
    Wenn ich so arbeiten will, wie es im 21. Jahrhundert nun mal üblich ist, muss ich Zugriff auf meine privaten Geräte gewähren. Völlig unrealistische Vorstellung! Der HPR rät davon ab.
    Ich habe Kollegen, die sämtliche Notenlisten, Aufsatzkommentare etc. gelöscht haben (nach dem Ausdrucken). Schluss mit Daten auf dem Rechner, zurück zu Aktenordnern und Notenbuch. Nicht einmal die vier Rechner im Lehrerzimmer erfüllen die Anforderungen, auf denen sollen wir erst recht keine Noten oder sonstigen Schülerdaten speichern. Tja…. ob die bei der ADD auch so arbeiten?

    Gefällt mir

    • Da sagst du was, alles Wahnsinn. Das Löschen eines Kompetenzrasters nach dem Ausdrucken hat einem Kollegen im Übrigen beschert, dass er einen sich eingeschlichenen Fehler so korrigieren durfte, dass er sich alle Blankolisten erneut herunterladen und ausfüllen musste. Die zuständige Stufenleiterin wollte lediglich computergeschriebene und angekreuzte (exakt mittig!) Formulare. Ich glaube, das war das letzte Mal, dass er etwas löschte.

      Gefällt 1 Person

  7. @Tina und Lehrer ohne Namen
    Bin weder Ü60 noch Schleimer, nutze aber weder privat noch schulisch WhatsApp. Wenn ich dadurch „bei den Kids nicht mehr weit“ komme, das ist das eben so (den Eindruck habe ich aber nicht).
    Dennoch finde ich, man kann es erwachsenen Menschen selbst überlassen, ob und wie sie mit Schülern in- und außerhalb der Schule kommunizieren. Ob ich nur über die Schule erreichbar bin oder auch per Handy, Festnetz, SMS, WhatsApp, Mail, Trommel- oder Rauchzeichen – meine Sache. Nicht die der ADD.

    Gefällt 1 Person

  8. Gewisse Lehrer/ innen informieren meine beiden älteren Töchter auch in einem Klassenchat über Schulausfälle etc. Viel praktischer als z. B. das Rundtelefon…
    Bei meinem Sohn kommunizieren wir Eltern via WhatsApp mit der Lehrerin. So kann man das Kind leicht abmelden oder sonst eine Information weiterleiten. Wie Du sagst, das Sekretariat nimmt nicht immer das Telefon ab..
    Herzlich. Priska

    Gefällt 1 Person

    • Ich sehe das alles auch von der sehr praktischen Seite. WhatsApp ist modern, fast alle haben die App und man kann auf einfache Art und Weise und zügig Infos erhalten und versenden. LG Alexa

      Gefällt mir

  9. Also ich bin u30 und kommuniziere nicht über whats App und Co. Aber das kann auch daran liegen, dass ich im Ref das nicht benötigt habe und genauso wenig jetzt als vertretung auch nicht wirklich. Ergo, es besteht kein Grund dafür. Und eigentlich bin ich auch dagegen, bzw. Würde es nur über ein zweithandy machen. Aber ich habe auch schon handys zu recherchezwecke zugelassen. Oder mal nach einer Klassenarbeit, bei der die LRSler länger Zeit bekommen und der Rest blöd rumsitzen muss und nichts machen darf.

    Gefällt mir

    • Gut, dass du auch das ansprichst. Wie oft ergibt es sich, dass man das Handy mal schnell für Recherchen nutzen möchte. Aber es gibt leider eine Menge Schulen, die Handys auf dem Schulgelände gar nicht erlauben oder nur in bestimmten Bereichen. Ich habe doch tatsächlich schon gehört, dass Lehrer einen Eintrag in die Personalakte bekommen haben, weil sie gegen die Hausordnung verstoßen haben, da sie trotz dieser Hausordnung das Handy im Unterricht zuließen. Wo bleibt da auch mein pädagogischer Freiraum als Lehrer, oder? Und dann sind wir auch schon wieder beim Widerspruch, wie Nele ja auch meinte.

      Gefällt 1 Person

  10. Das klingt ja völlig absurd! So verbietet man ja gerade jegliche digitale Technik. Sollten wir nicht die Schüler zu bewussten und kritischen Nutzern sozialer Medien heranziehen? Wie soll das gehen, wenn wir nicht mit gutem Beispiel vorangehen. Da fängt es ja schon in WhatsApp-Gruppen an. Wenn wir als Vorbild dort gut kommunizieren, färbt es meistens wirklich auf die Schüler ab. Ich habe sogar eine WhatsApp-Gruppe mit ehemaligen Schülern aus meiner früheren Schule, an der ich mein Ruf gemacht hatte. So kann ich den Kontakt aufrecht erhalten und erfahre ab und zu, wie sich meine ehemaligen Schüler so auf ihrem Weg in die Oberstufe schlagen 😊
    Meine zukünftige 9. wollte auch eine Gruppe errichten, da der Mailverteiler zwar schon gut funktioniert, es per WhatsApp aber deutlich schneller gehen würde. Deswegen wird jetzt mein altes Handy auch zum „Diensthandy“. Als wenn ich da groß personenbezogene Daten drauf habe! Noch dazu ist der Beitritt in diese Gruppe ja freiwillig und ich informiere immer zuvor die Eltern.
    Schöner Artikel, der einmal mehr die Absurdität und Bürokratie aufzeigt!
    An meiner Schule ist es da zum Glück lockerer, solange dadurch die Beziehung mit den Schülern nicht verschlechtert wird.

    Gefällt 2 Personen

    • Vorbildliche Kommunikation, sehr gutes Stichwort. Darauf achte ich z.B. auch. Schüler schreiben ja gern alles klein oder in abgehakten Phrasen usw. Hierzu gilt in meinen Gruppen z.B., dass immer auf groß- und Kleinschreibung zu achten ist und auch, dass man in ganzen Sätzen schreibt. Die Schüler betrachten es eher als lustig, was ich da von ihnen „verlange“ und nicht jeder hält sich dran, aber trotzdem muss ich nach einiger Zeit immer wieder feststellen, dass sich Orthografie und Ausdruck erheblich verbessern. Schönen Sonntagabend noch, herzlichst Alexa

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s