Sezieren ohne Sinn und Verstand (Beitrag13/2017)

Nichts ahnend begab ich mich in die Flure der naturwissenschaftlichen Bereiche unserer Schule, um einen Kollegen für eine Besprechung zu treffen. Je näher ich kam, um so mehr intensivierte sich ein süßlich aber dennoch fauliger, oder besser gesagt verwester Geruch, so dass ich augenblicklich auf Mundatmung umstellte. Lautes Geschrei und Schülergewusel waren deutlich zu vernehmen, kein Wunder, die Türen zum Biologiekabinett standen sperrangelweit offen. Plötzlich schoss Denis, Bio-LK 11, auf den Flur und postierte sich schreiend und mit Horrormine mitten auf den Gang. Seine Hände waren tiefrot verschmiert, sein T-Shirt ebenso, er schrie und gestikulierte wild und kam mir immer näher. Einen Schritt zurückweichend fasste ich mir im dunklen Flur ein Herz und schrie zurück.

„Denis, bist du von allen guten Geistern verlassen? Was ist denn hier los?“

„…ähm, wir schlitzen ein Herz auf…“, stammelte er nun deutlich leiser und ohne seine irren Gestiken. Die Hände baumelten jetzt abwärts und betropften dabei den Fußboden mit etwas Blut vom aufgeschlitzten Schweineherz.

Ich schüttelte den Kopf und warf angewidert einen Blick ins Kabinett. Ca. 15 Schüler/-innen „sezierten“ tierische Organe, wobei man anmerken muss, dass das Verb sezieren an dieser Stelle wohl aufs Äußerste missbraucht erscheint. Keiner der Teilnehmer des Kurses war mit Handschuhen, Schürzen oder vergleichbarer Schutzkleidung ausgestattet. Bei näherer Betrachtung der Tische gab es keinerlei fachliche Anleitungsbögen für die Jugendlichen, keine Auswertungsprotokolle, keine geeigneten sezierhandwerklichen Gegenstände. Stattdessen stocherten alle mit simplen Haushaltsscheren oder Bleistiften oftmals aber mit bloßen Hände in den Organen herum und rissen sie regelrecht auseinander; ein Schüler sprach davon, dass er Gulasch zubereite.

Beim Aufblicken sah ich direkt in die leuchtenden Augen von Frau Puck, Fachlehrerin für Biologie und Chemie, Stufenleiterin der Mittelstufe, damit Schulleitungsmitglied, Ausbildungsleiterin für unsere Referendare. (Ohne Worte…)

„Ist das nicht toll? Unterricht zum Anfassen. Die Kids sind begeistert!“

Ich konnte und wollte nicht reagieren, ich wollte nur noch weg. Raus hier, dachte, bevor ich mich übergebe.

Beim Kollegen angekommen schüttete es nur so aus mir heraus, das Entsetzen.

Vielen von uns ist sicher klar, Schulstoff erklärt sich wesentlich einfacher, je anschaulicher der Unterricht gestaltet wird. Doch wie weit kann Anschaulichkeit gehen? Es ging wohl bei Puck darum, die Anatomie und Physiologie des Herzens zu besprechen. Bilder und Videomaterial reichten ihr nicht aus, sie wollte den Schüler/-innen etwas bieten.

Ich frage mich ernsthaft, ob sie einerseits bedacht hat, den ethischen Standpunkt aus der Fragestellung heraus zu beleuchten, was Schüler/-innen eigentlich zumutbar ist. Wohl kaum, denn der Kurs besteht eigentlich aus 23 Teilnehmern, es hatten sich also mehrere dem angekündigten „Sezieren“ schon im Vorfeld entzogen. Andererseits gibt es Regelungen und sicher auch hygienische Richtlinien, die beachtet werden müssen. Spätestens seit Bekanntwerden der ganzen BSE-Fälle sollten nicht nur bei einer verantwortungsbewussten Pädagogin sondern auch bei den Schülern sämtliche Alarmglocken schrillen, wenn sie mit solchen Materialien Umgang haben. Salmonellen, Trichinen und Würmer stellen neben zahlreichen anderen sogenannte humanpathogene Endoparasiten dar, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden können, auch wenn es sich hier lediglich um deren tote Organe handelt. Ich konnte keine erforderlichen Schutz- bzw. Hygienemaßnahmen erkennen, um Infektionsrisiken zu minimieren. Zumindest Einmalhandschuhe hätte ich an den Händen der Schüler/-innen erwartet (ich hätte mich als Schülerin eines solchen Kurses definitiv geweigert, ohne Handschuhe zu arbeiten). Und auch einen Spritzschutz hätte Frau Puck zumindest parat legen sollen.

Grundsätzlich habe ich nichts gegen das Sezieren im Unterricht. Die Humanbiologie ermöglicht es, die Schüler/-innen mit dem menschlichen Körper vertraut zu machen und ihnen Funktionen und Zusammenhänge aufzuzeigen. Aber ich finde es mehr als angebracht, besonders in derartigen Unterrichtseinheiten auf die Anwendung von fachspezifischen Arbeitsweisen zu achten, um ein entdeckendes und forschendes Lernen bei den Schüler/-innen zu entwickeln. Eine solche Stunde muss gut vorbereitet sein, sowohl im Hinblick auf verwendete Materialien und Gebrauchsgegenstände, den Umgang mit Ekel und Berührungsängsten wie auch im Hinblick auf gewünschte und erwartete Verhaltensweisen der Schüler/-innen während der Durchführung dieser Einheit.

Wie gut, dass Frau Puck keine Ärztin geworden ist, denke ich gerade beim Schreiben.

Habt ihr früher in der Schule seziert, oder eure Kinder? Ich hoffe, mit positiveren Erfahrungen.

LG aus dem Lehrercafe,  eure Alexa☕

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14 Gedanken zu “Sezieren ohne Sinn und Verstand (Beitrag13/2017)

  1. Das liest sich wie eine Parodie … 😮 Nein, in den wenigen Jahren, die ich Bio hatte, haben wir nichts seziert und ich hätte mich wohl auch geweigert. Aber gerade in dem Umstand, dass es für Schüler möglich ist, sich dem zu entziehen, sollte doch schon die ‚Anregung‘ liegen, es ordentlich vorzubereiten und durchzuführen, oder? Dass nicht noch mehr mit negativer Einstellung daraus kommen.

    Wobei ich mir um die ehrlich gesagt Sorgen mache, die hiervon begeistert waren. Es klingt … ziemlich morbide und das gut finden. Naja.

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    • Genauso ist es. Stell dir vor, Frau Puck hätte dazu das Sezieren noch in die Halloweenzeit gelegt…fänd ich noch gruseliger als so schon. Denis Erscheinungsbild und Jonas Gulaschbemerkung waren nur die Spitzen des Eisbergs. Ich könnte noch einen ganzen Roman dazu verfassen, aber das würde ja ausufern.

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      • Sollte man nicht die ‚Ernsthaftigkeit‘ des Faches irgendwie im Blick haben? Es kann ihr doch nicht genügen schlicht „irgendeine starke Emotion“ auszulösen. Wie will sie das denn reflektieren/vertiefen/einbinden bei dem, was dann danach kommt?

        Mich würde so ein Unterricht als Elternteil doch einigermaßen beunruhigen, wenn das was meinem Kind mitgegeben wird „man kann Fleisch zerhacken“ ist. Vom Aufbau und der Funktion wird da ja nicht viel mitgenommen worden sein.

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      • Ich bin völlig bei dir. Genau diese Argumente besprachen mein Kollege und ich, als ich ihn danach traf. Schlimm fanden auch, dass Frau Puck als Ausbildungsleiterin an unserer Schule für die Referendare fungiert. Jetzt stell dir mal vor, ein Referendar würde solch eine Stunde als Lehrprobe halten. Der würde. Bei ihr glatt durchfallen, aber sie selbst…

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      • Joa, ne? Kennen wir irgendwoher. Meine „Frau Puck“ (Herr Drüppert) hat da nur zum Glück nix zu melden und alle wissen, dass man die Refis besser nicht zu ihm lässt.

        Habe ich es falsch verstanden, sie ist ’nur‘ Lehrerin, oder? Nicht Seminarleiterin für die Referendarsausbildung?!

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      • Sie ist Lehrerin und für die Referandarsbetreuung an uns unserer Schule zuständig. Mit dem Seminar steht sie zwar in Kontakt, sie hat dort aber nichts zu tun. Bei uns ist es üblich, das jede Schule eine Lehrkraft stellt, die sich um die Belange der Refs kümmert. Also sie betreut sie in jeglicher Hinsicht. Und dazu noch Schulleitungsmitglied. Vorbild in mehrfacher Hinsicht (hüstel, hüstel…)

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  2. Wir haben in der Schule viel seziert. Ich erinnere mich an Herz, Lunge, Auge, Gehirn. Vor allem die penible Vorbereitung und Durchführung machte viel vom Reiz aus. Es hatte schon viel von „echter Naturwissenschaft“ so mit weißem Kittel, Handschuhen und einen langen Protokoll, dem man folgen sollte.
    Auge und Herz habe ich auch schon selbst mit Klassen seziert. Niemand muss schneiden, jeder darf raus gehen, wenn es ihm zu viel wird (mein Kollege im Nebenraum weiß Bescheid und nimmt diese Schüler und die, die von vornherein nicht wollen, auf).
    Die Stunde wird natürlich vor- und nachbereitet.
    Aber wenn ich deinen Beitrag so lese, weiß ich auch, woher meine Medizinkommilitonen kamen, die sich im Anatomiekurs wie Metzger aufgeführt haben – völlig pietätlos und mit wenig Interesse an den Dingen, die man beim Präparieren lernen konnte. Das hat mich damals entsetzt. Aber wenn man es in der Schule nicht helfen hat…

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    • Ach, ich bin ja so froh über deinen Kommentar. Er veranschaulicht, wie das Sezieren durchgeführt werden soll und zeigt auch, was du aus deinen positiven Erfahrungen mitgenommen hast. Du gibst es so weiter. Und heute selbst als Pädagogin tätig, kannst du davon profitieren, was du als Schülerin perfekt erlebt hast. LG Alexa☕

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  3. Das klingt ja eher nach Schlachtfeld als nach Bio-Unterricht 😦

    Ich dachte auch sofort an die mangelnde Pietät gegenüber der Lebewesen, und an die nicht vorhandene Hygiene.

    Ich fände es besser, wenn man mit den Kindern, ruhig schon früh, in einen Schlachthof (Biohof) geht, da können sie erstens sehen, dass es lebende Wesen sind/waren, und sie begreifen, woher das Schnitzel auf ihrem Teller kommt.
    Und man kann dem Metzger über die Schulter schauen, wenn er das Tier ausnimmt.

    Auf jedenfall muß Frau Puck dringend aufgeklärt werden, denn wenn erstmal Infektionen vorkommen, dann ist es zu spät und das Geschrei ist groß.

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  4. Wir hatten schon vor 30 Jahren ein Herz seziert… aber sicher nicht auf die Art und Weise, wie Du beschreibst. Schutzhandschuhe hatten wir damals nicht an, aber herumstochern mit irgendwelchen Utensilien kam sicher nicht vor. Ein bisschen Respekt vor dem Tier wäre angebracht, abgesehen der hygienischen Aspekten natürlich.
    Liebe Grüße. Priska

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