Wer lesen kann ist klar im Vorteil… (Beitrag 11/2017)

Wieder einmal schüttelte ich energisch den Kopf beim Korrigieren und fluchte auch noch. Herr Kranz amüsierte sich köstlich, scheinbar schaute er mir schon eine ganze Weile zu.

„Warum grinst du?“, fragte ich ihn.

„Weil ich mir die Frage stelle, ob du dich über dich ärgerst oder über die Schüler. Was haben denn so viele nicht begriffen oder falsch beantwortet, dass du gleich bei jeder zweiten Klausur so wütend bist?“

„Echt, bei jeder zweiten?“

Tatsächlich, mehr als die Hälfte der Klasse hatte eine Frage in der Klausur komplett falsch beantwortet. Und warum? Weil sie nicht in der Lage waren, die Aufgabenstellung korrekt zu erfassen. Im Prinzip könnte man auch sagen, sie haben sie nur oberflächlich gelesen, denn das wäre der einzig erklärbare Ansatz für eine suchende Begründung. Ein einziges Wörtchen haben sie nicht wahrgenommen, das Wörtchen „nicht“, welches der Aufgabe einen ganz anderen Antworthorizont abverlangte im Hinblick darauf, hätte es nicht dagestanden. Aber es stand nun mal in der Aufgabe und fast 70 % haben es glatt überlesen. Wieder einmal. Viele meiner Schüler haben diese blöde Nachlässigkeit entwickelt – die Oberflächlichkeit. Leider endet die dann bei Rückgabe der Klausuren in nicht enden wollende Diskussionen über Punkte, Gerechtigkeit, Noten. Aber nicht dieses Mal, dachte ich mir. Auch wenn es nach „vorführen“ aussieht, in gewisser Weise ist es das auch, ich sehe es eher als eine „Lehre erteilen“ im Sinne dessen, dass man gewonnene Oberflächlichkeiten auch wieder ablegen kann, man muss sich nur bemühen.

So ging ich vorgestern mit dem korrigierten Klausurenstapel in eine der Klassen 11, legte diesen aufs Lehrerpult und schaute meinen erwartungsvollen Schülerchen fest in die Augen.

„Bekommen wir die Klausur gleich zurück, Frau Kranz?“

„Nein, wir gehen backen.“

Völlig verdutzt trabten mir 21 junge Menschen hinterher in die Schülerküche, über die unsere Schule verfügt, und sie schauten nicht schlecht, als sie in 4 Kleingruppen eingeteilt verschiedene Backwaren herstellen sollten. Ich erklärte ihnen weder, warum wir dieses taten, noch die Backanleitungen. Einzig und allein ein Arbeitsauftrag lag in jeder Kochnische, die dazugehörigen Rezepte und Backzutaten lagen nebendran.

Nach 60 Minuten hatte es jede Gruppe geschafft, die Muffins gebacken und dekoriert zu haben. Die Ergebnisse jedoch konnten sich lediglich von einer Gruppe sehen lassen. In dieser Schülergruppe hatten sich rein zufällig hauswirtschaftlich kompetente junge Menschen zusammengesellt, die von nichts anderem als Sallys Tortenwelt und den dazugehörigen YouTube-Videos redeten und dieses Unterrichtsprojekt so toll fanden, obwohl sie den Sinn dahinter noch nicht sahen. Die anderen drei Gruppen stellten uns sehr merkwürdige Muffins zum Probieren auf den Tisch und bekamen nun die Aufgabe, zu ergründen, warum ihr Ergebnis so traurig aussah. Die einen hatten vergessen (überlesen!), Backpulver unter das Mehl zu mischen – die Muffins waren armselige zusammengefallene Häufchen. Die anderen hatten beim Zuckerguss die Angabe TL mit EL verwechselt (E und T sehen ja auch völlig gleich aus…) und nun mehr Suppe als festen Zuckerguss auf den Muffins schwimmen. Die dritte Gruppe hatte die vorgegebene Temperatur des Backofens missachtet (überlesen!), verkohlte Teigklumpen blickten uns entgegen. Ziel erreicht!

Ich teilte die Klausuren aus und verwies für alle auf Frage 3. Viele schauten auf die Null-Punkte-Angabe und den daneben gezeichneten Muffin, der lächelte. Ich stellte die Frage, welchen Zusammenhang es wohl zwischen den null Punkten und dem Muffin geben könnte. Einige Sekunden dauerte es, aber dann fiel der Groschen. Sie begriffen, dass sie das Wort „nicht“ nicht gelesen hatten und sie begriffen ihre Peinlichkeiten aus dem Backen der Muffins.

Wir redeten noch eine ganze Weile über meinen Klausur-Back-Effekt und gingen mehr als fröhlich auseinander. Oberflächlich wollen sie nicht mehr sein, das haben sie alle versprochen. Und ich glaube ganz fest daran, dass dem ein oder anderen aus der Klasse das auch tatsächlich gelingen wird. Denn diese Stunde werden sie bestimmt nicht vergessen. Und auch ich fühlte mich gut dabei, anschaulich dargestellt zu haben, woran es liegt, keine Punkte bekommen zu haben, anstatt mit dem erhobenen Zeigefinger vor der Klasse zu stehen.

LG aus dem Lehrercafe, eure Ela

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26 Gedanken zu “Wer lesen kann ist klar im Vorteil… (Beitrag 11/2017)

  1. Ach liebe Glitzerfee – wenn ich doch nur einen Wunsch frei haben könnte – dann würde ich mir noch viel mehr Lehrerinnen wie Ela, Alexa und Tamara wünschen (vor allem natürlich für meine zwei Pubertären). Was für eine wundervolle und vor allem nachhaltige Aktion. Ganz großes Kompliment!

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  2. Ziemlich coole Idee! 😀
    Ich bin mal gespannt, wie oft du noch Muffins backen gehen musst – wahrscheinlich ist das doch alles nur ein abgekartetes Spiel, damit ihr beim Kaffee auch was zu naschen habt! 😉 😀

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  3. Ohhh, das kommt mir so bekannt vor! Just eine Arbeit korrigiert, in der die Schüler ähnlich gearbeitet haben… Es ist so frustrierend!
    Die Idee mit dem Backen ist super, leider hab ich keine Küche zur Verfügung… mal sehen, irgendwas in die Richtung muss ich trotzdem machen!

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