Ab in die Schublade (Beitrag 6/2017)

Wir haben bei Änschie (die wiederum wurde durch die Blogparade bei wheelie angeregt) einen tollen Artikel zum Thema Vorurteile gelesen und fühlen uns nun wirklich angestachelt, auch etwas dazu zu schreiben, da es im Berufsstand der Lehrer nur so wimmelt von Vorurteilen. Wenn es Aufnahmeprüfungen zum Lehramtsstudium gäbe, wäre die Eigenschaft, Vorurteile auszubilden, ganz sicher ein zu überprüfendes Kriterium.

Was ist das überhaupt, ein Lehrer-Vorurteil? Nun, etwas, was leider viele Lehrerpersönlichkeiten gern in sich tragen und sie nicht unbedingt beliebter macht und leider auch zahlreiche Schüler und Eltern immer wieder verzweifeln lässt: Ein Lehrer fällt ein Urteil über einen Schüler (oder auch Kollegen), bevor er sich diesem subjektiv genähert geschweige denn mit ihm selbst gesprochen hat. Und so entwickelt dieser Lehrer entweder eine positive (was sehr selten vorkommt) oder eine negative Einstellung gegenüber einem Menschen, welche im ungünstigen Fall negative Gefühle diesem Schüler gegenüber ausbildet und Handlungen nach sich zieht, die zu Intoleranz und schlechten Notengebungen führen; positiv haben wir es dann mit ungerechten Bevorzugungen zu tun. In welche „Schubladen“ ein Schüler dabei einsortiert werden kann, zeigen folgende Beispiele:

Beispiel 1: die größte Tochter einer Familie (alle Kinder besuchen dasselbe Gymnasium) ist überdurchschnittlich gut in der Schule. Sie ist dazu sehr beliebt bei den Schülern und Lehrern, legt ein Einserabitur hin. Der mittlere Sohn knüpft an, macht ein  Zweierabitur. Die dritte im Bunde, die kleine Schwester, ist eher still, zurückhaltend und „nur“ mittelprächtig in ihren Leistungen – aber: sie kommt ja aus der berühmten xyz-Familie. Damit bekommt sie sehr gute Mitarbeitsnoten, obwohl sie gar nicht mitarbeitet. Sie bekommt auch sehr gute Noten für all ihre Aufsätze in Deutsch, ob wohl diese schlechter geschrieben sind als die von Mitschülern. Aber sie ist in der xyz-Familien-Schublade, sie bekommt zu unrecht gute Noten – sie wird ausgeprägt positiv beurteilt, andere werden benachteiligt.

Beispiel 2: Paul ist in der 8. und 9. Klasse ein sehr schlechter Schüler, Pubertät lässt grüßen. In Klasse 10 allerdings legt er den Schalter um und gibt so richtig Gas für sein Abschlusszeugnis. Er hat erkannt, dass es wichtig ist, ein gutes Zeugnis zu erhalten, er ist in seiner Entwicklung gereift. Nun aber kommen die Vorurteile: neue Lehrer der Klasse befragen vorhergehende Lehrer und bekommen zuhören, dass er ein Vierer-Kandidat sei. Sie nehmen sich dieser Einschätzung an, schwups ist er in der Vierer-Schublade, obwohl er sich jetzt so bemüht. Bei den weiterhin unterrichtenden Lehrern ist er da ja sowieso schon drin. Die Weiterentwicklung wird nicht berücksichtigt.

Beide Beispiele zeigen, dass Vorurteile zu Ungerechtigkeiten führen können für denjenigen, über den man sie ausspricht. Gerade als Lehrer, wo es tagein tagaus um Beurteilungen geht, sollte man vorurteilsfrei arbeiten, aber wie viele Kollegen schaffen das leider nicht. Wir möchten uns an dieser Stelle nicht aus diesem Schubladendenken herausnehmen, Gott bewahre. Sicher ist es uns bei dem ein oder anderen Schüler auch schon passiert, dass wir uns haben leiten lassen von kollegialen Einschätzungen und (positiven/negativen) Nachreden über einen Schüler. Aber: wir haben eine gesunde Kritikfähigkeit ausgebildet im Laufe unserer zahlreichen beruflichen Jahre und sind fähig, umzudenken, wenn wir unser Gegenüber befragen, warum er mit einer Beurteilung nicht einverstanden ist. Selbstreflexion ist das Stichwort. Gerade wer in einem beurteilenden Beruf arbeitet, sollte sich des Öfteren selbst reflektieren und damit sein Handeln überprüfen. Dann würde es auf Sicht hin vielleicht zum Abbau des Schubladendenkens kommen.

Wir hoffen, wir haben euch einen kleinen Denkanstoß zum Wochenende gegeben. Vorurteile sind ja nun nicht nur den Lehrern angehaftet, sie sind ein Phänomen jeglicher Menschen einer Gesellschaft. Aber da sie meistens negativ behaftet sind, lohnt es sich, sie zu überdenken.

LG aus dem Lehrercafe, heute von Ela☕

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11 Gedanken zu “Ab in die Schublade (Beitrag 6/2017)

  1. Danke für diesen Beitrag. Ich habe selber so einen „Paul“ zu hause und finde es immer wieder schwierig und v. a. demotivierend für ihn, wenn ich sehe, er strengt sich an und manche Lehrer setzen einfach einen Stempel drauf ….Gespräche mit den entsprechenden Lehrern können schwierig sein – wer wird schon gerne „kritisiert“ ….. Aber es gibt ja auch die Gegenseite: Lehrer, die hoch motviert sind und die tatsächlich jeden Schüler versuchen, da abzuholen, wo er steht und den Schüler als Ganzes sehen. Und im Kontakt mit den Eltern bleiben, wenn es mal schwierige Zeiten gibt – das habe ich auch erlebt!

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  2. Leider habe auch ich vorverurteilende und vorbevorteilende Lehrer in nicht gerade geringer Anzahl erlebt, sogar solche, die ganz offenkundig und von Vorgesetzten protegiert die Leistungsbewertung im Zusammenhang mit der ethnischen Herkunft der Schüler vornahmen. Ich habe auch solche getroffen, die differenziert und genau hinsahen und die so fair wie möglich bewerteten, was für diese Lehrer auch schon mal zu Schwierigkeiten ohne Schutz durch die Vorgesetzen führt, wenn die Note zwar verdient ist, aber nicht den Erwartungen der Eltern entspricht. Leistungsbewertung ist schon ohne Vorurteile nicht einfach und oft auch nicht so wirklich gerecht, viele Lehrer kennen dieses Bild:

    Danke für den Denkanstoß auf diesem Blog. Das kann nur nützlich sein, vielleicht sogar im Hinblick auf pauschale Bewertungen und leider auch Verurteilungen anderer Menschen oder gar ganzer sozialer Gruppen im analogen und heutzutage auch im digitalen Leben.

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    • Was kann man da als Schüler*in oder Eltern tun? Als Schülerin hatte ich protestiert und rebelliert. Als Mutter wählte ich die Taktik des Mitspielens, was ich eh nicht ändern konnte. Ich engagierte mich für die jeweilige Klasse, entlastete die Lehrer, zeigte Verständnis für ihre Kritiken und Urteile und nahm ihre Verbesserungsvorschläge erst einmal an. Und siehe da, es brachte die erwünschten Vorteile für meine Kinder ein, machte ihnen das Schulleben leicht und erträglich. By the way: Vorurteile gegenüber Lehrer’*innen haben sich im Laufe der Jahre bei mir sehr ausgeprägt und mainfestiert ^ ^

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  3. Vorurteile sind schlimm und in der Tat, gerade hinsichtlich Leistungsbeurteilungen münden sie in Schubladendenken. Dieser Denkanstoß ist gelungen, ich reflektiere gerade die kürzlich erst vergebenen Halbjahresnoten.

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