Schulordnung ade…

Wer braucht schon Verbindlichkeiten wie Ordnungen und Gesetze? „Ich doch nicht“, dachte sich kürzlich eine sehr weise Referentin der ADD (Schulaufsicht in Rheinland-Pfalz).

Eine Woche zuvor: An der Schule eines Bekannten wird in der 7. Klasse ein Junge beschult, der sich schon seit seiner Einschulung in Klasse 5 an dieser Schule durch unrühmliche Verhaltensweisen seiner Mitschüler und Lehrer gegenüber auszeichnet. Er stört den Unterricht durch lautes Rufen, wirft Dinge wie Mäppchen, Papierkügelchen oder Bücher durch die Gegend, spuckt im Vorbeigehen andere Menschen an, tritt nach Gegenständen oder auch mal gegen das ein oder andere Schienbein eines Mitschülers. Viele Gespräche wurden geführt mit ihm und seinen Eltern in den vergangenen zwei Jahren. Der Versuch, herauszufinden, worin sich diese Verhaltensauffälligkeiten begründen, scheiterten im Ansatz. In der vergangenen Woche kam es dann zu einem schweren Vorfall auf dem Schulhof. Besagter Junge hatte ein Taschenmesser dabei. Auf dem Pausenhof geriet er in eine Kabbelei mit einem Mädchen. Das Mädchen wehrte sich verbal gegen den Jungen, der sie zuvor beleidigt hatte bezüglich ihrer Frisur. Kommunikative Fetzen flogen hin und her, das Mädchen hatte ihre Freundinnen zum Schutz um sich herum gescharrt, er sah sich unterlegen, als es passierte. Er zog das Messer unbemerkt aus der Tasche, griff das Mädchen am Arm, zog es zu sich heran, biss es kräftig in die Wange und hielt ihr das aufgeklappte Messer mit der Spitze an den Hals. Die aufsichtsführende Lehrerin kam blitzschnell herbei geeilt, zog den Jungen an der Jacke und schaffte es, ihn vom Mädchen wegzuzerren. Ein weiterer Lehrer kam dazu, er konnte schlussendlich den Jungen überwältigen und ihm das Messer abnehmen.

Das Mädchen wurde abgeholt und ärztlich wegen ihrer blutenden Bisswunde versorgt, der Junge wurde der Schule für den Rest des Tages verwiesen, die Eltern mussten ihn abholen. Der Klassenlehrer berief am gleichen Nachmittag eine Klassenkonferenz ein, an der auch Mitglieder der Schulleitung teilnahmen aufgrund der Brisanz der Thematik. Gemeinsam wurde der Vorfall analysiert, besprochen und ausgewertet mit dem Ergebnis, den schulpschologischen Dienst erneut um Unterstützung zu bitten und – den Jungen vom in der kommenden Woche geplanten und bereits gebuchten Schulausflug auszuschließen. Diesen Ausschluss begründeten alle Anwesenden einerseits mit einer erzieherischen Maßnahme  und andererseits mit der Fürsorgepflicht gegenüber den mitfahrenden Klassenkameraden. Am folgenden Tag informierte der Klassenlehrer die Eltern des Jungen über den Klassenkonferenzbeschluss und lud sie erneut zum Gespräch ein.

Satt einer Terminvereinbarung zum Gespräch wandte sich nun allerdings die Mutter des Jungen telefonisch an die ADD und lies sich mit der für die Schule zuständigen Referentin verbinden. In welcher Version sie die tatsächlichen Begebenheiten des Vorfalls der Referentin schilderte, entzieht sich natürlich jeglicher Kenntnis. Jedoch veranlasste das geführte Telefonat die Referentin, sofort in der Schule anzurufen und zu veranlassen, dass der „arme Junge“ auf keinen Fall vom Schulausflug auszuschließen sei. So etwas dulde sie auf keinen Fall in „ihrem Schulbereich“, der Junge soll mitfahren, den Konferenzbeschluss erkläre sie für ungültig. Der Schulleiter versuchte vergeblich, die Referentin von der Richtigkeit des Beschlusses zu überzeugen, zitierte die eilig herbei geholte Schulordnung mehrfach und teilte ihr mit, dass er es keineswegs akzeptieren würde, dass die ADD ihm in solch einem Fall (wie schon so oft!) in den Rücken fallen würde – über eine Mutter, die ihr eigenes Kind nicht kontrolliert bekommt. Die Referentin blieb stur, wich von ihrer Anordnung nicht ab.

Nun, es gibt ja noch Eltern…und es gibt Tricks, wie man solche Referenten doch noch umgehen kann. Der Schulleiter gab die Anordnung ans Kollegium weiter, wieder gab es eine Zusammensetzung der in der Klasse des Jungen und des Mädchens unterrichtenden Lehrer und man lud dazu den Elternsprecher und seine Vertretung mit ein. Man überlegte, wie man mit der Entscheidung der ADD, die alle Anwesenden als nicht korrekt und verantwortungslos einstuften, umgehen sollte. Und man fand den Weg über die Elternschaft der Klasse, die ihrerseits allesamt die Genehmigung zur Teilnahme am Klassenausflug zurückzogen. Da waren sich alle einig. Alles wurde storniert, Unkosten entstanden Gott sei Dank keine, das Busunternehmen fährt seit Jahren für die Schule und zeigte großes Verständnis in Anbetracht der Ereignisse.

Der Schulausflug wurde verschoben auf das kommende Frühjahr. Die Lehrerschaft hat einen Beschwerdebrief aufgesetzt und dem Bildungsministerium über den Dienstweg zugesandt.

Was kommt als nächstes, fragen wir uns? Abschnitt 14 mit den Paragrafen 95 folgend regeln eindeutig, dass die Lehrer sowie die Schulleitung der Schule des Jungen und des Mädchens alles richtig gemacht haben. Trotzdem fällt eine Referentin in der ADD den Pädagogen in den Rücken, hebelt besagte Verordnung aus. Überaus peinlich empfinden wir, dass man über die Elternschaft der Klasse zu einem Lösungsansatz finden muss, dass eine einzige Person es schaffte, eine gesetzlich verankerte Verordnung mal einfach so zu umgehen und so tun, als sei diese gar nicht vorhanden. In einer Klassengemeinschaft, in einer Stufe, in der gesamten Schule… kommen Menschen unterschiedlichster Herkunft und Erziehung zusammen, die durch Beziehungsgeflechte miteinander im Kontakt stehen und die während der Unterrichtszeiten zusammenleben. Und es ist in jeder Gesellschaft nun mal üblich, dass man dieses Zusammenleben durch Ordnungen regelt, um die eigentümlichen und sozialen Handlungen jedes einzelnen Individuums für eine Gruppe auf einen Nenner zu bringen. Wenn solche Ordnungen, die ein Zusammenleben einer Gruppe regeln,  keine Gültigkeit mehr haben sollen und wir Lehrer vermehrt erleben müssen, dass Mitarbeiter der ADD meinen, sie nutzen ihre Funktion und ihren Status dazu aus, geltendes Recht zu umgehen  – dann können wir nur sagen, gute Nacht RLP und gute Nacht Bildung.

Liebe Frau Referentin XYZ, wir hoffen, dass Sie Ihre Entscheidung irgendwann bereuen. Wir hoffen, dass Sie einsichtig sind, wenn Ihnen jemand erklärt, dass Sie so nicht hätten entscheiden dürfen. Wir hoffen, dass Sie auf uns Lehrer hören, die tagtäglich vor Schülergruppen stehen und mit den Schwierigkeiten des Schulalltags zurecht kommen müssen. Wir hoffen, dass Sie sich reflektieren, über das, was Sie entscheiden aus ihrem warmen Büro heraus, Zeitung lesend und Kaffee trinkend, strickend und plaudernd…

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Liebe Grüße aus dem Lehrercafe, eure Ela  Kaffeetasse

 

 

 

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10 Gedanken zu “Schulordnung ade…

  1. Das ist ja wirklich ziemlich heftig. Wie so mit Regeln umgegangen wird. Eine „Verhaltensänderung“ erzielt ma damit nicht. Ich bin mir sicher, dass dieser Fall bei uns (Bayern) einen Disziplinarauschuss nach sich gezogen hätte. Und je nach Schule mit Ausschluss o.ä. (bei meinem aktuellen Schulleiter bestimmt). Allerdings hat neulich eine mitreferendarin erzählt, dass einer eine Soft-air Pistole in der Schule verkauft hätte und später sei ein Mädchen damit beschossen worden. Am Ende hat der Schüler einen verschärften Verweis bekommen…

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    • Na ja, zumindest hat der Schüler einen Verweis bekommen. Der Junge aus der Schule unseres Bekannte kam gar ohne aus. Ich denke auch, dass es so etwas in Bayern nicht gäbe. Wir haben einige Freunde, die dort im Schuldienst sind und diese sind regelmäßig erschüttert über die Zustände in RLP.

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      • Ich bin selbst in RLP zur Schule gegangen. Damals hieß es, bei 3 verweisen fliegt man. Ich hab keine ahnung ob das stimmt. Wobei die verweise keine Auswirkung haben, was ich blöd finde.

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  2. Na besten Dank auch. Und wenn der Junge dann, nach zig Jahren ohne Konsequenzen, austickt und dasselbe dann mal durchzieht, ne junge Frau im Wald verscharrt, dann heißt es wieder: „Konnte ja niemand was ahnen“, oder wie?
    Und diese Referentin ist doch dermaßen ideologisch verblendet oder geistig fehlgeschaltet, das passt auf keine Kuhhaut! Tätlichkeit mit Biss und Messer, und dann „der arme Junge“?! Auch wenn es politisch nicht korrekt und kein aufgeklärtes Erziehungsmittel ist, aber in dem Fall gehört dem der Hosenboden neu bezogen und alle Annehmlichkeiten für die nächsten sechs Monate entzogen… Ich kann gar nicht schreiben, was ich davon halte…

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  3. Das wirkt auf mich, als ob die betreffende Referentin der ADD kein Interesse daran hatte, die genauen Umstände des Aussschlusses von der Schulfahrt zu prüfen und sich dann in Folge mit den schwierigen Eltern auseinander zu setzen. Dem Schulleiter mal so richtig die Macht der Obrigkeit spüren zu lassen, war wohl latent bequemer. So ein Vorfall passt zur Werteumkehr und Doppelmoral unserer Gesellschaft. Ich finde die kluge Reaktion dieser Schule auf dieses Desaster wirklich vortrefflich, alle Achtung, das ist eine sehr kluge, gemeinsame Entscheidung, die es sich lohnt, sich gut zu merken.

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  4. Leider wäre in Österreich die Sache ähnlich verlaufen: Schutz den Tätern, nicht den Opfern. Das frustriert die Lehrerinnen so häufig, dass sie bei vielen Störungen nicht mehr eingreifen: Hat ja keinen Sinn. Deshalb sind Störungen die Hauptursache für schwache Schulleistungen geworden, in vielen Klassen herrscht permanent Kaffeehausstimmung.

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