Unglaubliche Wochen

Liebe Leser, sicher waren schon einige verwundert, dass sich nichts rührt im Lehrercafe. Das hatte vielerlei Gründe.

Die ersten Schulwochen sind in diesem Jahr wie ein Orkan über uns herein gebrochen, so etwas haben wir noch in keinem Sommer erlebt. Stress pur, Ärger, Unzufriedenheit und erkrankte Kollegen – was ist nur los?

Alles fing mit unserer lieben Tamara an. Sicher könnt ihr euch noch an unsere „E-Mail nein danke…“ – Berichte erinnern. In ihrer Schule kam es nicht zu den gewünschten Erfolgen, wie bei Alexa und mir. Der verlangte Vortrag auf der Gesamtkonferenz mit eingeladener Psychologin endete in einem Fiasko. Das sowieso schon aufgebrachte Kollegium ließ weder Tamaras Kollegin noch sie selbst nicht ohne Zwischenrufe und lautstarkes Gemurre zu Wort kommen, die geladene Gesundheitsexpertin hatte sehr große Mühe, sich Gehör zu verschaffen  und wird an diese Schule sicher nicht mehr vortragend kommen. Der Schulleiter verteidigte im Anschluss die bisherige Kommunikationsform per E-Mail und ließ offen darüber abstimmen, ob man mit dem Versenden von E-Mails unzufrieden sei. Es gab etliche Stimmenthaltungen, aber leider eben auch einige Mehrstimmen für die Beibehaltung des bisherigen E-Mail-Austausches.

Tamara ertrug die letzten Schulwochen mit mehr als verletzenden Bemerkungen von Kollegen, wurde geschnitten und gemieden. An ihrer Schule haben sich unglücklicherweise viele komplizierte Menschlein versammelt, seltsam gestrickt, seltsame Ansichten in sich bergend. Und so war die E-Mail-Sache für Tamara eigentlich nur der berühmte letzte Tropfen, der nach 8 Jahren ein ganzes Fass zum Überlaufen brachte. Am letzten Ferientag, am 26. August, trafen wir uns erstmalig nach unseren Urlauben und den ersten Dienstbesprechungen in unserem Cafe, eigentlich in der freudigen Erwartung eines frohen Wiedersehens und tollen Urlaubsgeschichten. Doch schon nach ein paar Minuten stand fest: irgendetwas ist anders, an und mit Tamara. Sie wirkte komisch, schmal, sie hatte abgenommen, und ihre Augen verzeichneten tiefen Schatten. Offensichtlich waren etliche schlaflose Nächte der Grund.

„Ich habe gekündigt.“

Ganz ruhig und und sachlich. Ohne Schnörkelei, ohne vorbereitende Worte, einfach nur ein `ich habe gekündigt`.

„Und wisst Ihr was? Jetzt geht es mir so richtig gut.“

Darauf gabs eine Runde Sekt statt Cappuccino, das musste jetzt sein.

Tamara hat es einfach nicht mehr ausgehalten. Die ewigen Gängeleien, die Enge, die in ihrer Schule herrscht, die ihr und vielen ihrer Kollegen zu schaffen macht. Es waren nicht die Schüler, die ihr das Leben schwer machten, sie ist eine begnadete Lehrerin mit einer Engelsgeduld und einem hervorragenden Erklärvermögen. Es waren die so genannten Rahmenbedingungen in Form von unsinnigen Regelungen und Anordnungen und Menschen, die besser kein Funktionsamt übernommen hätten, in Form von einem sie umgebenden Kollegium, welches sich keiner von uns wünscht.

Traurig, geschockt und wütend waren Alexa und ich zunächst. Tamara ist gut in dem, was sie tut, Tamara ist professionell und lieb. Eine Seele von Mensch. Doch nachdem sie erklärte und erzählte, nachdem alles aus ihr heraus brach, verstanden wir sie und fühlten wie sie, dass es für Tamara die richtige Entscheidung war. Sie hat etwas gespart und wird sich eine kleine Weile über Wasser halten können. Und sie hat sich bereits beworben, eine privaten Schule sucht jemanden. Aber auch etwas anderes könnte sich Tamara vorstellen. Schauen wir mal, wie sie ihr Leben gestalten wird. Wir werden berichten, Freundinnen bleiben wir ja trotzdem und der Platz im Lehrercafe ist ihr sicher.

Noch mehr machte uns zu schaffen. Alexa arbeitet momentan nur 15 Stunden in der Woche, sie pflegt zusätzlich ihre schwerkranke Mutter. Der Stundenplan, den sie erhalten hat, verschlug ihr die Sprache. Und ich kann dazu nur sagen, ich empfinde es als eine Frechheit, einer Kollegin solch einen Plan ins Fach zu legen. Alle 15 Stunden sind auf alle Tage der Woche verteilt, kein freier Tag. Pro Tag dann 3 Stunden Unterricht, aber jeweils mit 3 -5 Springstunden von der ersten bis zur achten Stunde verteilt. Alexa kämpft seit dem ersten Schultag mit dem örtlichem Personalrat dagegen an, kein Erfolg. Bis zum Halbjahr sollen die Pläne so bestehen bleiben. Da hätte sie auch ihre volle Stelle behalten können… die schwerkranke Mutter, tja, wer weiß, wie das alles gehen soll.

Und ich? Ich verfüge nach drei Schulwochen schon über den sechsten Stundenplan! Ja wohl, den sechsten. Zweimal pro Woche hat er sich bisher geändert, denn die ADD war nicht in der Lage, bis zur letzten Ferienwoche alle Abordnungen, Versetzungen oder Neueinstellungen abzuwickeln, nein, die Damen und Herren haben geurlaubt, geschlafen oder sich mit sonst was beschäftigt, nur nicht mit ihren Aufgabenbereichen. Und so trudeln bei uns wöchentlich neue Gesichter ins Lehrerzimmer, völlig planlos und verworren – der Stundenplaner dreht durch. Herzlich willkommen den Neuen, herzliches Beileid uns Alten, alle Planungen bitte über Bord werfen. Dazu sind schon 6 Kollegen (von 70) erkrankt, kommen wohl auch nicht mehr vor den Herbstferien wieder. Ergo, Vertretungsunterricht ist auch noch angesagt. Das Kollegium rumort, es brodelt und brodelt, und es wird explodieren, so bald einer das Ventil findet.

Ich finde es schade, wie es sich anlässt, dieses neue Schuljahr. Nach drei Wochen sich bereits auf die kommenden Ferien zu freuen, schon jetzt auf dem Zahnfleisch zu krauchen, obwohl noch keine Effektivität irgendwo zu finden ist, da die neuen Pläne auch immer wieder neue Klassen, Schulformen oder Lerngruppen bringen, ist ein schwerer Schlag ins Kontor und ein Aufbrauchen der gesammelten Sommerferienkraft auf einmal.

Ich versuche, gelassen zu bleiben, auch wenn es nicht unbedingt zu erlesen war. Mit jedem Wochenende hoffe ich einfach darauf, dass sich die Lage entspannen wird. Ewig kann es schließlich so nicht weiter gehen. Bei dem schönen Wetter war ich täglich schwimmen und habe mich einfach für eine halbe Stunde am frühen Abend treiben lassen. Das tat gut. Nächste Woche wird es kühler, hoffentlich kühlen sich dann auch ein paar erhitzte Gemüter ab. Ich wünsche es mir so sehr.

LG aus dem Lehrercafe Kaffeetasse

 

 

 

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9 Gedanken zu “Unglaubliche Wochen

    • Doch, wir halten durch 🤗. Aber das Stichwort Lehrergesundheit ist gut. Darüber wird viel diskutiert im Moment. Mehr aber leider eben auch nicht. Naja, wird schon werden. Wie sagt man so schön? Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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      • Ein ganz wichtiger Punkt zur „Lehrergesundheit“ ist die Supervision des Kollegiums. Muss man halt selbst zahlen, aber zahlt sich aus.
        Wir als Schulleitung haben uns auch eine Supervision mit anderen Schulleitungen geschaffen.

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  1. Oh ha 😮 Unglaublich! Aber wahrscheinlich der normale Wahnsinn? Also da kann ich nur sagen, bei mir ist es entspannt, da würdet ihr sicher gleich wieder an Sommerferien denken, wenn sich mein Zustand übertragen ließe. Aufrichtiges Mitgefühl für Tamara und Alexa, die Situationen sind wirklich unterirdisch.

    Ich wünsche Tamara, dass der Weg der richtige ist und sich schnell herauskristallisieren wird. Bei den Beschreibungen war es die einzige Wahl. Zu Alexas Situation fällt mir beinahe nichts ein, das ist unerhört, dass man so gar nicht auf die persönlichen Umstände eingeht. Soviel unnötiger Stress. Dir Ela wünsche ich einfach EINEN Stundenplan und das bald und langfristig 😉

    Beim nächsten Mal bitte mit besseren Nachrichten.

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    • Danke für dein Mitgefühl. Bessere Nachrichten kommen garantiert. Was anderes als Besserung der Situationen geht ja schon fast nicht mehr. Schön, dass es bei dir entspannter zugeht. Gerade im Ausbildungszeitraum ist das unheimlich wichtig, um Abbrüche zu vemeiden. Schönes Wochenende🌻

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  2. Ihr seht mich sprach- und fassungslos. Zumindest der Start ins Schuljahr sollte doch einigermaßen reibungslos laufen. Es gab immerhin 6 Wochen Zeit, das vorzubereiten (Genau genommen gab es sogar noch mehr, man muss über Einstellungen und Abordnungen ja nicht in den Sommerferien entscheiden). Ich drücke die Daumen, dass es bald besser wird.
    Und Tamara meinen Respekt für diese Entscheidung. Ich wünsche alles Gute, dass sich bald eine befriedigendere Perspektive ergibt. 🙂

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  3. Oje, so einen Start ins Schuljahr wünscht man sich wirklich nicht! Leider entspricht das wohl viel zu oft der Realität, dass Kollegen erst nach Schuljahresbeginn dazustoßen und der Stundenplan zigmal über den Haufen geworfen wird. Hoffentlich bleibt er jetzt endgültig bestehen und es kehrt etwas Ruhe ein!

    Das, was Tamara passiert ist, ist wirklich schlimm. Ich habe ja auch gerade gekündigt in der Schule, aber aus ganz anderen Gründen. Das zu tun, weil man geschnitten wird, ist wirklich übel. Ich hoffe, dass sie bald einen neuen Job, vielleicht an einer Privatschule, findet oder sich vielleicht auch nochmal in eine ganz andere Richtung orientiert. Das kann so spannend sein! Da es ihr aber gut geht mit der Kündigung, scheint es die richtige Entscheidung gewesen zu sein. Mir geht es inzwischen auch hervorragend, auch wenn der Schritt schwer war. Aber auch als Lehrer kann man nicht alles ertragen und muss das auch nicht. Ein gesunde Portion Egoismus als Selbstschutz ist gar nicht falsch.
    Alles Gute für euch drei!

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