Unfassbar, was ich heute erlebte…

Es passt eigentlich überhaupt nicht auf diesen Blog. Aber die Erlebnisse des heutigen Tages sind es trotzdem wert, zu berichten, weil ich ansonsten ersticke vor lauter Unzufriedenheit und Wut.

Mein Mann ist krank, er hat eine Augenerkrankung. Heute war der seit langem geplante OP-Termin, der Voruntersuchungs- und Aufnahmemarathon liegt schon ein paar Tage zurück. Das an sich wäre schon einen Bericht wert gewesen. Heute Morgen sollte er nüchtern um 10:00 Uhr auf der Station sein. Wir waren bereits um halb zehn dort, nett wie man ist. „Bitte warten, wir kommen auf Sie zu“, sagte Schwester Gaby nach unserem Eintreffen.

10:15 Uhr noch eine dreiviertel Stunde bis zum OP-Termin: Schwester Gaby teilt uns mit, dass die Bettenkapazität ausgeschöpft sei, wir sollen uns auf die Station eine Etage tiefer begeben.

10:20 Uhr Wir treffen auf der anderen Station ein. Dort weiß keiner etwas mit uns anzufangen. „Bitte warten, wir kommen auf Sie zu.“

10:40 Uhr Mein Mann bekommt sein Zimmer. Als Privatpatient hat er als vereinbarte Wahlleistung Anspruch auf ein Einzelzimmer. Gott sei Dank, ein Doppelzimmer wird ihm zur alleinigen Nutzung zur Verfügung gestellt.  Die Schwester erklärt meinem Mann die Fernbedienung des Bettes und den Fernseher. Witzig, nach der OP (noch 20 Minuten!) wird er tagelang nicht bzw. schlecht sehend sein. Der Essensplan wird ausgefüllt. Sie geht. Das wars. Eine Frau putzt das andere Bett und bezieht Kopfkissen und Decke (behaftet mit Flecken, des vorherigen Patienten?) mit neuem Bettzeug. Folie drüber, fertig, auch sie geht.

11:08 Uhr Ein Pfleger ohne Namen betritt das Krankenzimmer, Anklopfen Fehlanzeige. Wortlos reicht er mir ein OP-Hemdchen. Ich zeige auf meinen Mann, schließlich wird er operiert. Er legt es aufs Bett und will gehen. Mein Mann fragt ihn, ob er es schon einmal anziehen soll und wann er endlich dran käme. Der Pfleger ohne Namen verlässt Schultern zuckend das Krankenzimmer, kommt kurze Zeit später wieder und meint in gebrochenem Deutsch, dass er das Hemdchen erstmal noch nicht anziehen solle. Es wüsste keiner, wann genau die OP stattfinden würde.

12:10 Uhr Mein Mann hält es nicht mehr aus. Er ist sehr angespannt, nervös und zappelig. Er hat einen trockenen Mund, hat seine letzte Mahlzeit und sein letztes Getränk wie vereinbart am Vorabend 19:00 Uhr zu sich genommen. Die Vollnarkose verlangt danach, er sollte ja eigentlich auch schon längst operiert worden sein. Er geht zum Schwesternzimmer fragen. „Keine Ahnung, gedulden Sie sich.“ Was ist mit meiner vorher einzunehmenden Beruhigungstablette? „Warten Sie bitte, wir kommen auf Sie zu, wenn es soweit ist.“

12:20 Uhr Ich gehe zum OP-Bereich und bitte eine OP-Schwester (sie war im Gegensatz zur Station sehr nett) um Auskunft bzgl. der OP-Planung. Sie schüttelt den Kopf und meint, dass die Station hätte anrufen können. Wie könne man denn einen Patienten ohne Info lassen. Wie recht sie hat. Und siehe da, der OP-Plan hat sich verschoben. Neue Zeit: 14:00 Uhr.

13:55 Mein Mann soll das OP-Hemdchen anziehen, er wird sofort abgeholt. Die OP-Schwester steht schon wartend im Türrahmen. Hat er die Tablette bekommen? Nein? Egal, wir müssen los.

14:00 Uhr Der Anästhesist legt den Zugang, erfragt die Beruhigungstablette. Gab keine. Hm, wir müssen jetzt aber trotzdem die Narkose einleiten, Herr Prof. wartet schon. Also los… Das richtige Auge markiert, damit es keine Verwechslung gibt. Und schön dämmert er weg.

15:15 Uhr Mein Mann kommt aus dem OP hoch. Der Oberarzt schiebt das Bett persönlich ins Krankenzimmer. Zu mir sagt er: „So bitte schön“, weg ist er. Okay… ich frage meinen Mann, wie es geht und bin erleichtert, dass der Verband auf dem richtigen Auge sitzt. Scheint also wenigstens das gut gegangen zu sein. Er stöhnt und vermeldet starke Schmerzen und Durst. Seine Lippen sind aufgesprungen, an seinem Hals klebt Blut. Er stöhnt noch mehr und muss Pipi. Auch das noch. Was mache ich jetzt? Schwester, ah, sie kommt. Sie misst Blutdruck. „Na, der ist aber hoch“, meint sie und geht. Bitte? Ich gehe hinterher. „Mein Mann muss dringend zur Toilette. Darf er aufstehen?“ Nein, darf er nicht, erst in einer Stunde, ich bekomme eine Urinflasche. „Und er hat Durst, darf er trinken?“ Ja darf er. Wasser steht auf dem Nachtschrank. Aha.

15:30 Uhr Mein Mann kann nicht im Liegen urinieren, er will unbedingt zur Toilette. Wir wagen es. Erst hinsetzen auf die Bettkante, warten, dann stehen, warten, langsam mit Unterhebeln zur Toilette. Geschafft, er uriniert wankend in die Toilette. Er hat große Schmerzen, seine Augenhöhle brennt, der ganze Kopf schmerzt, wie bei einer Kopfgrippe. Ich rufe die Schwester. „Warten Sie bitten, der Arzt kommt auf Sie zu, wenn es soweit ist.“ Wenn es soweit ist? Er hat jetzt Schmerzen! Ich reiche ihm Wasser an, hole einen Tee. Beim Bäcker habe ich frische Brötchen erstanden. Kleine abgezupfte Stücke gebe ich ihm zu essen. Der Mann braucht Nahrung. Die Schmerzen sind nicht auszuhalten.

16:00 Uhr Der Arzt kommt. Wie es denn ginge, ich beschreibe die Situation. Er nickt und schreibt. Eine Tablette Paracetamol soll die Schwester bringen, das wird helfen. Bepanthensalbe soll sie ihm auch noch auftragen. Der Blutdruck sei beunruhigend, die Schwester soll jede Stunde messen. Ich runzele die Stirn.

16:10 Uhr Schwester Moni kommt, nimmt vorsichtig den Verband ab. Ich bin erschrocken, das operierte Auge ist stark angeschwollen, wässrige Flüssigkeit quillt raus, die Narbe ist blutverschmiert. Die Kompresse des Verbandes auch. Salbe aufgetragen, Verband (der blutverschmierte!) wieder drauf. Ich gehe raus, brauche frische Luft, muss dringend zur Toilette. Kurze Zeit später verlässt Schwester Monika das Krankenzimmer, ich gehe hinein. Die Tablette liegt auf dem Tisch am Fenster. Mein Mann soll sie nehmen. Wie soll er da dran kommen? Er sieht nichts! Er kann nicht allein aufstehen! Irre! Ich gebe sie ihm.

17:00 Uhr Die Tablette hat natürlich nichts gebracht, ich gehe ins Stationszimmer. Gott sei Dank, die Oberschwester ist da. Sie hört sich mein Klagen an und fragt mich, ob mein Mann eine Infusion bekommen solle. Entsetzt drein blickend aber die Chance ergreifend nicke ich heftig und erbitte die Beimischung eines starken Schmerzmittels.

17:05 Die Infusion wird von Schwesternschülerin Mara angelegt. Sie läuft. „Das ist eine ganz heftige Operation, die Sie da hinter sich haben. Ich durfte letzte Woche im OP zuschauen.“ Sie berichtet Details, keiner will sie hören, egal.

17:10 Uhr Ein junges Mädchen bringt das Abendessen und stellt es auf den Tisch, will gehen. „Wie soll der arme Mann denn so an sein Essen kommen?“, frage ich sie. Ja, dafür wäre ich doch als Ehefrau da, Nachttisch ausziehen und hop. Bitte? „Woher wollen Sie wissen, dass ich seine Frau bin?“ Ach so, ja, dann zieht sie eben den Nachttisch aus, mit Schmollmund natürlich. Jetzt gehts ums Prinzip. Sie geht. Deckel ab, was ist das denn? Falsches Brot, falscher Tee. Was läuft hier schief?  Zum Glück war ich ja beim Bäcker heute Morgen.

18:30 Uhr Die Tür geht auf, eine weitere Schwester (ohne Namen) kommt wortlos herein, einen alten Mann im Schlepptau, zieht die Folie vom Nachbarbett  weg, erklärt dem alten Herrn die Funktionen. So langsam reichts! „Guten Abend“, nicke ich ihm zu. Er reicht mir und meinem Mann die Hand und stellt sich und seine Krankengeschichte vor. Die Schwester ohne Namen will gehen. Ich stehe im Weg. „Das wäre doch wohl ihr Job gewesen, oder?“ „Was?“, fragt sie schnippisch. „Meinen Sie nicht, es wäre besser gewesen beim Hereinkommen, uns Herrn Konradi vorzustellen und mitzuteilen, dass mein Mann nun doch einen Bettnachbarn bekommt?“(Ich muss morgen unbedingt in die Patientenaufnahme und die Wahlleistungsvereinbarung ändern lassen, ist ja nun kein Einzelzimmer mehr) Ach so, das würde ich meinen, sie läuft rot an. Da ist noch was, na was denn jetzt noch? Sie ist genervt. Die Infusion ist durch. Das ist nicht meine Aufgabe, meint sie und geht. Ich drehe gleich durch. In der Sekunde kommt aber glücklicherweise die liebe Schwesternschülerin herein und rettet die Situation. Sie nimmt die Infusion ab und erfragt das Befinden. Es geht etwas besser, aber nicht viel. Mein Mann soll sich gedulden, das wird schon. Wenn es in einer Stunde nicht besser wird, klingeln. Nun denn…

18:35 Uhr Herr Konradi wird für seinen Eingriff abgeholt. Die Quatscherei hat ein kurzzeitiges Ende, endlich. Ruhe. Mein Mann muss schon wieder, also los. Dieses Mal geht es etwas besser, im bad nutze ich gleich die Chance zur Katzenwäsche und zum Zähneputzen. Da fühlt man sich gleich wohler.

19:30 Uhr Die Kopfschmerzen werden wieder stärker. Mein Mann stöhnt. Herr Konradi wird im Rollstuhl herein geschoben. Er soll sich eine Stunde flach auf den Rücken legen. Die OP-Schwester (nicht die nette) geht. Herr Konradi hat Durst, ob ich mal für ihn klingeln könnte, na klar. Die Klingel ist ihm auch gar nicht in Reichweite gelegt worden. Die Schwester kommt sehr schnell, was denn sei, er habe Durst. Genervt schenkt sie ihm Wasser ein, reicht es ihm, geht. Im Schrank klingelt es, Herrn Konradis Handy bimmelt volle Pulle, ob ich mal dran gehen könne. Seine Frau, ich berichte, reiche ihm das Handy. Er schnasselt weiter. Mein Mann möchte sich aufsetzen, fummelt an der Fernbedienung rum. Kaputt? Wie? Nein, der Oberarzt hat lediglich vergessen, den Stecker des Bettmotors einzustöpseln. Was wäre gewesen, wenn ich nicht vor Ort wäre? Mein Mann hätte noch nicht mal nach der Schwester klingeln können nach der OP!

20:30 Uhr Es geht ihm etwas besser. Tee und Brötchen sind verzehrt, ein weiterer Toilettengang erfolgt, mein Mann bekundet aufkommende Müdigkeit. Ich mache ihn Bett fertig wie ein kleines Kind, richte seinen Nachttisch mit allem, was er braucht in Reichweite. Herr Konradi ist eingeschlafen, sein Koffer liegt geöffnet am Boden, die Sachen halb raushängend, er ist nicht zugedeckt. Sein Abendessen steht auf dem Tisch. Ich lege ihm die Klingel an seine Handfläche, decke ihn zu. Er tut mir leid. Seine Frau konnte ihn nicht begleiten. Meinem Mann drücke ich einen Schmatzer auf die Wange und sage ihm, ich komme morgen früh wieder. Er nickt leicht, mehr geht nicht, das Auge schmerzt. Er schläft trotzdem ein.

20:45 Uhr Ich sitze im Auto und tippe die Heimatadresse ins Navi ein. Ein letzter Blick aufs Handy zeigt eine WhatsApp von den Kindern. Sie haben gekocht und warten auf mich. Die Guten.

23:00 Uhr Ich liege im Bett und denke nur noch, dass nicht ein einziges Mal der Blutdruck gemessen wurde. Hoffentlich geht alles gut und er übersteht die Nacht.

Ich bin gerädert, erschöpft und entsetzt und werde morgen bei der Visite gehörig was loslassen. Zumindest nehme ich mir das vor. Und –  mein Mann wurde von Prof. Walther mit dem über die Stadtgrenzen hinaus schallenden guten Ruf operiert. Deswegen sind wir in diese Klinik gegangen und nicht wegen der grauenvollen stationären Versorgung. Ich war ja da, zum Glück für meinen Mann. Was aber macht ein/e Alleinstehende/r in deutschen Krankenhäusern? Davon zu hören oder zu lesen ist das eine, es aber selbst mitzuerleben, ist grausam und lässt mich fragen, wofür ich eigentlich jeden Monat der Krankenkasse den Beitrag und der Beihilfe den jährlichen Eigenanteil leiste.

LG Ela

 

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9 Gedanken zu “Unfassbar, was ich heute erlebte…

    • Vielen lieben Dank. Ich richte es ihm aus. An eine schriftliche Beschwerde hatte ich auch schon gedacht. Man bekommt wohl am Ende des Aufenthaltes einen Patientenfragebogen. Den werde ich dementsprechend ausfüllen.

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  1. Tatsächlich unglaublich … Ich hoffe, es ging soweit gut und er hat keine Nachwirkungen von der OP selber, die nochmal in die ‚fachkundigen Hände‘ gelegt werden müssen. Meine einzige eigene, noch nicht weit zurück liegende Krankenhauserfahrung ist von der Geburt und da ging zum Glück alles so wie es sein sollte. Erschreckend wie man mit euch umgegangen ist.

    Erinnert mich aber an meine Mutter, die auch in so einem furchtbaren Krankenhaus nach einem Unfall gelandet ist. Da musste sogar nach acht Monaten ihre ‚geheilte‘ Schulterverletzung erneut aufgebrochen und gerade zusammenwachsen gelassen werden, weil die Mist gebaut hatten. Das bleibt euch hoffentlich erspart.

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