Leseaufgabe für/über die Ferien

Am Freitag war es wieder soweit. Eilige Dienstbesprechung in der ersten großen Pause. Ein kleiner roter Zettel in jedem Lehrerfach wies darauf hin. Schulleiter Brause hatte Druck bekommen, von ganz oben, man sah es ihm schon vor der ersten Stunde an.

Was war geschehen? Eine mehr als aufgebrachte Mutter wählte den Weg über einen Referenten der ADD, um ihrem Unmut freien Lauf zu lassen. Einen Anruf hatte sie getätigt, in dem sie sich darüber beschwerte, dass ihr Sohn mit Hausaufgaben über die Sommerferien bepflastert worden sei, eine Frechheit, die ihres gleichen sucht, wie unmöglich, der arme Sohn solle sich erholen und sonst nichts. Anstatt Herr Referent sie gebeten hätte, sich mit ihrem Anliegen an die Schule direkt zu wenden, nahm er amtsbeflissen und machterfüllt natürlich die Sache selbst in die Hand, rief Schulleiter Brause an und hielt ihm eine Standpauke, ob er seinen Laden nicht im Griff habe und riet ihm, mit den Kollegen mal die Paragrafen der Schulordnung aufzufrischen. Ein Studientag gleich zu Beginn des neuen Schuljahres eigne sich für so etwas doch ganz hervorragend.

Brause nahm sich Frau Holterich zur Brust und fragte nach, was sie denn da verzapft habe. Ihm sei dieses und jenes zu Ohren gekommen. Frau Holterich ist eine gestandene Deutschlehrerin, so manch ein Junglehrer schaut zu ihr hinauf bzgl. ihrer ausgeprägten Fachkompetenz. Ich mag sie auch sehr, da sie viel Menschliches und Warmes mit in den Unterricht hinein trägt, bei den Schülern ist sie sehr beliebt, sie gilt als korrekte und faire Notengeberin und sie hat die Referendare unter ihren Fittichen, von denen sich alle bei ihr wohl und gut aufgehoben fühlen. Und genau diese Frau Holterich hat sich doch tatsächlich erlaubt, ihren 12er-Leistungskurs Deutsch zu bitten, über die Sommerferien eine Lektüre zu lesen, damit man Ende August direkt einsteigen könne in die „gelesene“ Thematik. Wer Lust und Laune hätte, könne auch direkt das Lesetagebuch (sie hat für ihren Unterricht ein eigenes entwickelt, sind vorgefertigte und strukturierte Blätter mit Tabellen, in denen Ankreuzungen vorzunehmen sind oder Kurzeintragungen in Stichpunktform; ist richtig klasse entworfen, schülergerecht aufbereitet und super schnell ausgefüllt) verfüllen. Noch angemerkt sei, dass Frau Holterich ihren Kurs gebeten hat, der Kurs zustimmte und damit einverstanden war. Fauli Max stellte das Ganze wohl aber etwas verzerrt bei seiner Mutti dar.

Herr Brause hörte zu, nickte und stellte klar, dass sie ihrem Kurs auszurichten habe, die Lektüre werde nicht gelesen. Freiwillig hin, freiwillig her. Referent Kruse habe der Mutter bereits versichert, dass Paragraf 51 der Schulordnung natürlich greife und sie vollkommen Recht habe. Brause solle Frau Holterich davon in Kenntnis setzen, basta

(§51 Hausaufgaben: …(4) Ferien sind von Hausaufgaben freizuhalten. Vom Samstag zum darauffolgenden Montag werden keine Hausaufgaben gestellt; Schulordnung RLP für Gymnasien u.a.)

Unverblümt berichtete Brause die gesamten Vorgänge in der Dienstbesprechung und endete mit der Bitte, §51 zu beachten, er habe keine Lust auf weitere Belehrungen durch Kruse. Erst jetzt bemerkten die meisten, dass Frau Holterich gar nicht anwesend war. Brause ging, die Diskussionen starteten, die meisten schüttelten die Köpfe und dachten sich so ihren Teil.

Jetzt mal ehrlich: natürlich braucht jeder Schüler Lernpausen, das steht außer Frage. Natürlich gilt es den besagten Paragrafen zu berücksichtigen. Aber was um Himmels Willen ist so schlimm dabei, 18-jährige, die in einem halben Jahr Abiturprüfungen ablegen, zu bitten, eine Lektüre über 6 Wochen unterrichtsfreie Zeit zu lesen? Dazu mit dem Einverständnis des gesamten Kurses? Außerdem sind die Kursteilnehmer allesamt über 18 Jahre alt, wie kann man da noch einer Mutter gerecht werden?

Ich finde diese Sache sehr aufgebauscht und sowohl von der ADD wie auch von Brause nicht sehr klug gelöst. Frau Holterich wurde zudem mit dem gemachten Problem allein gelassen und verpflichtet, ihre Bitte zurück zu nehmen. Ich habe mit ihr am Wochenende telefoniert, sie meinte, sie habe mit dem Kurs gesprochen und die Sachlage erörtert. Max wusste sofort, dass es nur seine Mutter gewesen sein konnte, die die Sache ins Rollen gebracht habe. Es war ihm sehr unangenehm, sowohl sich als auch Frau Holterich derart in Unannehmlichkeiten zu sehen. Nun liest der Kurs die Lektüre natürlich gerade erst recht. Und Max hat es als eine Schülerbitte formuliert, dazu in der zweiten Schulwoche sein Lesetagebuch vorstellen zu dürfen. Am Freitagnachmittag war zumindest für den Kurs die Welt wieder zurecht gerückt, Frau Holterich ist noch etwas angesäuselt aber bei Weitem nicht mehr so stark, wie vergangene Woche.

Wenn ich mich an meine Schulzeit zurück erinnere, kann ich mich an viele Lektüren erinnern, die ich über die Ferien zu lesen aufbekam. Ich habe immer nur Positives darin gesehen, weil die Zeit im Schulalltag häufig nicht ausreicht, um sich umfangreiche Lektüren gründlich erschließen zu können und meist eine zusätzliche Belastung darstellt. Wie viele junge Menschen hängen heute zu tage regelrecht ab in 6 Wochen Sommerferien, treiben sich in zahlreichen Chatrooms rum oder quälen ihre Spielkonsole bis zur Unendlichkeit. Nicht alle Schüler fahren 6 Wochen in den Urlaub oder verfügen über derart zeitaufwendige Hobbies, die ihnen die Zeit zum Lesen rauben.

Professionelle Nachhilfeinstitute wie der Studienkreis  oder die Schülerhilfe bieten gerade in den Ferien Kurse an, um Gelerntes aufzufrischen oder zu verbessern oder sich einen guten Vorsprung für das kommende Schuljahr zu sichern. Hierfür geben Eltern sogar Geld aus und dabei handelt es sich sicher um mehr Aufwand als eine Leseaufgabe. Die dortigen pädagogischen Kräfte leisten gute Arbeit, was einerseits Statisken zeigen, andererseits ich mit dem Studienkreis (mein Patenkind war drei Jahre dort wegen Lateindefiziten)  auch aus eigener Erfahrung belegen kann. Des Weiteren gibt es Schüler, die in den Ferien Sprachreisen unternehmen, Urlaub verbunden mit Lernen.

Also ich denke mal, man sollte „die Kirche im Dorf lassen“, wie man so schön sagt. Wer schon beim Lesen auf Paragrafen drängt, dem fehlen hoffentlich nicht die Worte beim Argumentieren in dieser Sache. Buch Wie seht ihr die Sache?

LG aus dem Lehrercafe, heute von Alexa  Kaffeetasse

Advertisements

18 Gedanken zu “Leseaufgabe für/über die Ferien

  1. Ich sammle ja immer wieder Praxisbeispiele, die mich auf eben diese unsinnigen Paragraphen hinweisen, die man so in den Ordnungen findet. Und ja, diesen §51 finde ich in seiner Ausschließlichkeit tatsächlich unsinnig. Einschränkend hätte ich den verstanden, wir sind ja auch angehalten, den Schülern nicht zu viele Hausaufgaben in der Woche mitzugeben. Aber eine Leseaufgabe über Wochen hinweg, selbstbestimmt, vorbereitet, eingeteilt und vorentlastend für den Kurs? So etwas sollte nicht rundheraus zu verbieten möglich sein.

    Gefällt 1 Person

    • Schön, dass wir dir ein Beispiel liefern konnten. Dann haben wir mit unserem Beitrag doch etwas erreicht. So wie § 51 (4) formuliert wurde, finden wir ihn auch unpassend. Ihn mit Einschränkungen zu versehen, so wie du es schreibst, fänden wir auch gelungen. Es steht ja auch geschrieben, dass von Samstag auf Montag keine Aufgaben aufgegeben werden dürfen. Mal ehrlich, wo findet denn Samstags Schule statt? Hier jedenfalls nicht. An sich besagt dieser Satz doch, übers Wochenende bitte keine Hausaufgaben. Wenn wir in die Hausaufgabenhefte unserer Kinder schauen spiegelt sich etwas Anderes. Über die Fülle und Art von Hausaufgaben kann man sich sicher unterhalten, aber dass sie wichtig und unerlässlich sind, sehen wir als absolut gegeben an, sowohl als Mütter wie auch als Pädagoginnen.

      Gefällt mir

    • …genau. Wir alle drei sind auch Mütter und sehen es genau so wie du. Was wir halt dabei auch noch bedenkenswert finden, ist die Tatsache, dass sich einerseits Eltern immer häufiger direkt an die Schulaufsicht wenden, anstatt aufkommende Probleme erstmal vor Ort versuchen zu lösen und sich andererseits die Schulaufsicht nicht auf eigentliche Zuständigkeiten besinnt, sondern sich der Angelegenheit stets annimmt. Wir denken eher, es sollte mal einen Studientag zwischen ADD und Schulleitungen geben.

      Gefällt 1 Person

  2. Heftig. Zumal Lesen ja so eine schwierige, anspruchsvolle und unverschämt zeitaufwendige Aufgabe ist, damit sind ja die kompletten sechs Wochen Ferien verdorben, was? *seufz*
    Und eben, die gute Frau Mutter ist dann die Erste, die sich über mangelnde Vorbereitung zum Abitur beschweren wird, oder zur Nachhilfe rennt, oder oder oder.
    Ich hab dafür absolut kein Verständnis. Das wird doch sicherlich so ein Reclamheftchen sein, oder? Um die 150 Seiten, was nicht mal 25 Seiten pro Woche(!) ausmacht.

    Unter der Woche ist aufgrund von Ganztagesbetrieb bzw. Nachmittagsunterricht keine Zeit mehr für Hausaufgaben, übers Wochenende geht nicht, weil die armen Kinderleins, und über die Ferien darf man auch nicht. Da kann man sich die Hausaufgaben gleich schenken, auch, weil nicht mal jeder die erledigt. Wozu eigentlich noch üben?

    Gefällt 4 Personen

      • Ach, aber da gibt es andere Möglichkeiten. TEAM-Arbeit: Toll, ein anderer machts. Oder die Methode Googleberg. 😉

        Nein, ernsthaft: Was tun wir unserer Jugend eigentlich mit solchen Irrsinnigkeiten an? Die Message ist doch klar: Leistung ist verpönt, durchwurschteln reicht, und sowieso: Solange keiner hinschaut, ist betrügen in Ordnung…

        Gefällt 1 Person

  3. Ich gebe recht, hätte die Lösung darin gesehen, einfach eine Lesewoche aus der Schulzeit dranzuhängen (vor oder nach den Ferien) … so für die Zukunft, 😉
    Abgesehen davon möchte ich einmal anmerken, dass ich ich etwas schade finde, dass es in den letzten Postings nur um negatives geht. Zumindest ist dieser Eindruck bei mir entstanden … Ist das so?

    Gefällt mir

    • Lesewochen sind sicher eine Lösung, die sich allerdings für Abiturjahrgänge im letzten Abschnitt sicher kaum durchführen lassen, da bereits nach den Weihnachtsferien schon die schriftlichen Prüfungen anstehen. Wir haben den Beitrag aus dem Grund veröffentlicht, um eine Anregung zum Nachdenken in Richtung Sinnhaftigkeit des Paragrafen 51 der Schulordnung zu starten.
      Negativ? Nun ja, es sind erst 10 Beiträge und es sind nun mal die stärksten Diskussionsauslöser im Lehrercafe gewesen. Auf „About“ haben wir dargestellt, worum es uns mit unserem Blog geht.

      Gefällt mir

      • Uih, das ist jetz aber ein fettes Missverständnis gewesen. Ich meinte damit, dass ich die Lektüre einfach schon ein paar Tage vor den Ferien ausgeteilt hätte verbunden mit der HA, sie bis Termin x nach den Ferien zu lesen. Dann besteht ja rein theoretisch die Möglichkeit, sie bereits vor den Ferien fertig gelesen zu haben. Oder eben, nach den Ferien dann noch fünf Tage dran hängen, bevor fertig gelesen sein muss … und schon umgeht man solche Paragraphen.
        Abgesehen davon gibt es einfach schon so viele Foren und Blogs, wo Beschweren gang und gäbe ist und man sich dann gegenseitig recht gibt und hochzieht. Ich erlebe viele tolle Momente in der Schule und vermute, ihr auch. Das war nur ein Rat, eurer Seite nicht so ein „Diskussionsgesicht“ zu verleihen.
        Jedem seine Sichtweise.

        Gefällt mir

      • Danke für den Rat. Das ist sehr nett von dir und natürlich erleben wir auch gute Momente. Wir sind ja erst seit 5 Wochen am bloggen und das waren halt die derzeitigen Themen, die sich ergaben. Trotzdem danke für deine Beratung, die Außenwirkung kann man ja nur über eure Rückmeldungen vernehmen und dafür sind wir sehr froh. Und Kritik ist in jeder Sicht förderlich. LG ☕

        Gefällt mir

  4. Wenn ich das hier lese, sträuben sich mir die Nackenhaare. Solche Mütter und ADD-Kruses gibt es zu hauf bei uns, leider. Das sind die eigentlichen Stressfaktoren für uns Lehrer. 😵
    Schön zu lesen, dass der Kurs und Frau Holterich am Ende gut miteinander sind und die Umstände keine Auswirkung auf die Lehrer-Schüler-Beziehung haben. Das passiert nach solchen fauxpases oft genug.

    Gefällt mir

  5. Das sind die typischen (Mamas)Glucken, die mir auch das Leben schwer machen. Als Grundschullehrer kann ich wirklich ein Lied davon singen. Dauernd was zu nörgeln, mal sind es zu viele Hausaufgaben, mal zu wenige, dann wird gestöhnt, weil angeblich zu wenig geübt wurde vor einem Test. Von einem Oberstufenschüler kann man getrost erwarten, dass er über die Sommerferien ein Buch liest. Da interessiert bitte auch kein §51!
    Zum Thema ADD kann man nur den Kopf schütteln, diese Menschen dort bestärken die Entwicklung einer verweichlichten Gesellschaft gerade zu noch. Der Grund? Sie haben selbst nichts auf dem Kasten.

    Gefällt 1 Person

  6. Ich denke, man sollte schon unterscheiden zwischen reinen Hausaufgaben und langfristigen Aufgaben. Eine Leseaufgabe, wie Frau Holterich sie aufgab, hat nichts mit den üblichen Hausaufgaben im Sinne von Hausaufgaben zu tun. Dafür hätte sie meines Erachtens noch nicht einmal das Einverständnis des Kurses gebraucht.

    Gefällt 1 Person

  7. Die…. die… Kinder …. sollten LEEEEEEESEEEEEN?!?

    In dem Ferien???????

    Die Mutter hat NUR die ADD verständigt?
    Da gehört jawohl mal mindestens eine Anzeige wegen Kindesmisshandlung her!

    Hoffentlich macht Mutti dem Kerlchen auch täglich das Bettchen und die Schnittchen….
    Nicht dass er sich überlastet!

    Verwunderte Grüße von der, nun heimlich den Ferien- Lernplaner und die Aufgabenlisten der Teenies abhängenden, OSH

    Gefällt 2 Personen

  8. Meine Kinder wollen die Adresse dieser Frau…. Sie googeln gerade „Adoption“…..
    Darf ich sie in den Ferien nach sowas googeln lassen?!?
    Damit eigenen Sie sich ja Wissen an….
    Ich glaube, ich schalte mal prophylaktisch das W-Lan aus….
    Nicht das gleich Amnesty International vor der Tür steht….

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s