Macht Schule verrückt?

Frau Henners Artikel „Die Welt wird verrückt“ hat uns mächtig beeindruckt. Ihr Umfeld betrachtend stellt sie fest, dass inzwischen einige Menschen, die sie kennt, an psychischen Leiden erkrankt sind, die sie sogar zum Teil arbeitsunfähig machen. Wir wollen, angeregt durch Frau Henner, abtauchen in die Welt der Lehrer und die verrückte Welt damit eingeengt durchleuchten. Unser Blick wird also in Richtung Lehrergesundheit gehen.

Glaubt man dem Deutschen Ärzteblatt, erleben in den vergangenen 10 Jahren psychische Erkrankungen bei gesamtdeutschen Lehrern einen enormen Zuwachs mit teils derart schwerwiegendem Verlauf, dass Betroffene sich nicht mehr in Wochen sondern eher erst in Monaten erholen oder sogar 1-2 Schuljahre ausfallen. Stellt sich die Frage nach Statistiken für RLP, vor allem aber die Frage nach dem „Warum ist das so?“.

Ersteres lässt sich gut ermitteln. In RLP gibt es ein so genanntes Institut für Lehrergesundheit, welches jährlich mittels Fragebögen, eigener Sprechstunden und Schulbegehungen sowie eigener Untersuchungen ermittelt, wie es um die Gesundheit rheinland-pfälzischer Lehrer steht. Nachzulesen sind die Ergebnisse in den veröffentlichten Gesundheitsberichten, die wir uns zu Gemüte führten in den vergangenen Tagen. Damit kommt man super an Zahlen und an Beschwerdeauflistungen, was allerdings offen bleibt, ist die Frage nach Ursachen. Das Warum muss sich der Leser selbst zusammen reimen, erahnen, denken, vermuten… sehr, sehr schade.

An allen rheinland-pfälzischen Schulen erleben Lehrer psychosoziale Belastungen, laut aller Berichte. Diese können psychosoziale Beanspruchungsreaktionen zur Folge haben, was nicht gleich bei jedem Lehrer schwere psychische Erkrankungen auslöst aber zu angegebenen Beschwerden führt. Im Vergleich der Schuljahre 2011 zu 2014 (2015/16 ist noch nicht veröffentlicht) lässt sich feststellen, dass Lehrer:

  • einen Anstieg von nicht störungsfreien Pausen erleben (66  zu 70% angestiegen),
  • einen übermäßigen Verwaltungsaufwand erleben (50 % gleichbleibend),
  • in zu großen Klassen unterrichten mit mehr als 29 Schülern pro Klasse (53 % erleben dieses gleichbleibend),
  • zunehmend unter Ermüdung und Erschöpfung leiden (55 zu über 60% angestiegen),
  • zunehmend unter Schlafstörungen leiden (31 zu 39% angestiegen),
  • immer unzufriedener bzgl. ihrer Arbeitsbedingungen werden (54 zu über 60% angestiegen). 
  • (Es handelt sich nur eine Auswahl von angegebenen Beschwerden.)

In nur 3 Schuljahren haben sich fast alle Zahlen erhöht derer Lehrer, die von den Beschwerden betroffen sind! Erschreckend war zu lesen, dass von allen beschäftigten Lehrern in RLP im Schuljahr 2014 5% sogar dauerhaft dienstunfähig waren, amtsärztlich untersucht werden mussten, wovon nur 50% wieder in den Schuldienst zurück kehrten. Bei 70 % der Dienstunfähigen war der Hintergrund  eine psychische Erkrankung. Die häufigsten stellten Depressionen dar, bei einigen handelte es sich um Panikattacken.

2014 beklagen rund 37% der Lehrer, dass Konflikte nicht/eher nicht besprochen werden, 23% sprechen von Schwierigkeiten mit nicht kooperierenden Schulleitungen, mit der ADD. 28% empfinden ihre Arbeitsbedingungen schlecht, 35% lediglich zufriedenstellend. Über die Hälfte der Lehrer ist erschöpft und müde, Erholungsphasen reichen schon lange nicht mehr zur Erholung aus, mehr als ein Drittel hat 2014 massive Schlafstörungen und 16% leiden unter Depressionen und Burnout, wobei bei den Depressionen eine deutliche Zunahme zu verzeichnen ist. Insgesamt 12% der Lehrer sprechen mittlerweile von einer inneren Kündigung bzgl. ihres Berufes.

Soweit die Berichte. Wer liest sie? Wahrscheinlich kaum jemand. Und auch uns schreckten sie ab mit ihren weit mehr als 200 Seiten. Richtig wertvoll kommen uns die Zahlen auch nicht rüber, da uns die Ursachenforschung fehlt und somit die sicher gut angedachte Institution in einem faden Licht erscheinen lässt. Was nützen Zahlen und Auflistungen über Jahre, wenn man nicht sauber hinter den Kulissen recherchiert, wie diese Zahlen zustande kommen oder warum sich Zahlen in so wenigen Jahren erhöhen. Einzig angebotene Fortbildungen und Vorträge zur Lehrergesundheit werden die Zahlen kaum sinken lassen. Von der Universität Mainz finanziert ist kaum zu verstehen, warum dieses (von der Schulbehörde -) unabhängige Unternehmen nicht öffentlich aufzeigt, was genau die unzufriedenen Arbeitsbedingungen eines rheinland-pfälzischen Lehrers ausmacht.

Flüchtlinge ohne auch nur ein einziges deutsches beherrschendes Wort werden in bestehende Klassengefüge eingeflochten. Wie der Lehrer das regelt, egal. Soll er zusehen. Behinderte Kinder, körperliche und geistige, lernen mit nicht behinderten zusammen. Ist der Lehrer diesbezüglich geschult, vorbereitet, kann er in Notfällen handeln? In der Regel (90%) nicht. Förderschulen werden eine nach der anderen abgeschafft. Die besonderen Kinder gehen dann in ganz normale Schulen und – gehen dort meist unter, wie auch der Lehrer. Wie soll er sich bei 30 Schülern schon teils schwieriger Klientel da noch um zwei besondere Schüler kümmern? Wen interessierts? ADD, Ministerium, Politik? Niemanden. Mehrmals im Jahr schreiben Lehrer hunderte Blätter voller verbaler Beurteilungen, verfassen Einschätzungen, bewerten Kompetenzen. Sie müssen sich ranhalten, die Termine drücken, die Förderpläne wollen auch noch getippt werden, bitte ausführlich und umfassend – für wen? Für die Tonne, die Bäume wurden umsonst gefällt. Kein ausgefülltes Papier hilft auch nur irgendeinem Auffälligen der besonderen Art, dem Betroffenen gehts dadurch weder besser noch schlechter. Dafür schlechter aber dem Lehrer, der dreht durch. Nörgelnde Eltern wenden sich mit ihren Aufregern gar nicht erst an die Schulleitungen, da sie ihnen zu inkompetent erscheinen. Nein, sie rufen direkt in der zuständigen Schulbehörde an oder verfassen mehrseitige Schreiben an diese gerichtet. Die Schulbehörde will Ruhe, also bestärkt sie die Eltern anstatt die Zuständigkeit zu berücksichtigen und das Gesicht von Lehrern und Schulleitungen zu wahren. Die Anzahl von abzuhaltenden Vertretungsstunden ähneln den Überstundenkonten der Polizei, sinnlose und überflüssige Dienstbesprechungen und Konferenzen rauben Zeiten zur Korrektur oder Vorbereitung/Nachbereitung oder auch Erholung. Dienstliche Beurteilungen werden nach Nase erstellt, bei der Besetzung von Funktionsstellen spielen eher das Parteibuch und Vitamin B eine Rolle als die eigentliche Qualifikation.

All diese Dinge verbinden sich zunehmend mit Konflikten innerhalb der Lehrerkollegien, die Schulreformen der vergangenen Jahre zahlen sich aus in Stress, Nerverein, Zank, Streit und Intrigen, Mobbing ist weit verbreitet. Deutlich zu spüren ist vieler Orts die Unzufriedenheit der Lehrer im Land, aber es ist nicht die Unterrichtssituation an sich, die in der Regel für den Einzelnen zur Unzufriedenheit führt, es sind häufig die Rahmenbedingungen die als schwierige Arbeitsbedingungen bezeichnet werden die einhergehen mit Defiziten in funktionsbezogenen Stellenbesetzungen. Das macht Lehrer krank, vor allem psychisch. Fortbildungen zur Lehrergesundheit sind gut und schön, wenn aber krank machende Bedingungen nicht ursächlich aufgeklärt und behoben werden, kann man bei Sichtung der Zahlen und der deutlichen Zunahme depressiver Erkrankungen bis hin zum Burnout schon sagen: „Ja, Schule macht verrückt.“

Zumindest wir haben die Erkenntnis um die Dinge und genießen unseren Cappuccino und entspannen uns dabei. So werden wenigstens wir nicht verrückt.

LG aus dem Lehrercafe

 

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9 Gedanken zu “Macht Schule verrückt?

  1. Die Schaarschmidt-Studie „Halbtagsjobber“ beschreibt vieles, was du hier genannt hast. Eine Studie der DAK in Zusammenarbeit mit Schulen liefert auch immer aktuelle Zahlen. Sehr schöner Beitrag!

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  2. Ah, die Studien zur psychischen Gesundheit. Wir haben da ja in den letzten Jahren einiges erlebt. Sowohl die TK als auch die DAK haben da recht eindrucksvolle Studien vorgelegt, dass die Zahl der Krankheitstage auf Grund von psychischen Leiden massiv steigen. Interpretationen lassen sie viele zu. Zum Einen ist das öffentliche Bewusstsein, dass diese psychischen Leiden tatsächlich eine Krankheit sind, in der Breite ein recht neues. Mit Ausgelaugtheit oder Schwermut ist man früher – um es mal klischeehaft auszudrücken – eher in die Kirche gegangen als zum Arzt. Oder man hat es schlicht ignoriert. Ist ja nur so eine Phase (und in der Tat deuten die Erkenntnisse der Depressions-Forschung darauf hin, dass viele Menschen im Laufe ihres Lebens depressive Phasen durchmachen, die aber „von selbst“ wieder verschwinden).
    Das weist darauf hin, dass wir seit langem strukturelle Probleme gerade in der Arbeitswelt haben, sie jetzt aber erst wahrzunehmen zu beginnen. Es ist auch möglich, dass wir empfindlicher geworden sind, weil sich unser Leben jenseits der Arbeit wandelt – oder Erwerbs-Arbeit unser Leben zunehmend auffrisst.
    Im Fall der Schule ist der entscheidende Punkt m. E. aber vor Allem derjenige: Schule als soziales System ist in den letzten Jahren, beginnend mit PISA 2000 massiv unter Druck geraten und umgebaut worden. Neben dem Umsetzen der Neuerungen waren die Akteure, Lehrkräfte wie SuS, auch einem massiven Anpassungsdruck ausgesetzt. Ihre soziale Umwelt ist eine andere geworden. Das könnte man mit einem massiven Klimawandel vergleichen: Plötzlich wird das Wetter heißer und man muss seine Gewohnheiten ändern, neue Rhythmen finden. Und der Anpassungsdruck kommt eben zusätzlich dazu. Da ist es kein Wunder, dass die Zahl der psychischen Beschwerden, die man parallel nun sorgfältiger beachtet, massiv ansteigt.
    Macht Schule verrückt? Sie hat das große Potential dazu. War das absehbar? Ja. Man würde sich von den schulregulierenden Kräften deshalb vor Allem mehr Behutsamkeit beim Eingriff in solch ein hochkomplexes soziales System wünschen. Und vor Allem es unterlassen, ständig neue Säue durch die Schule zu treiben (Ernährungslehre, Finanzmarktkompetenz, Digitalisierung … Welche neuen Fächer wurden in den letzten Jahren noch so neues gefordert?)

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    • Danke für den wertvollen Kommentar. Die strukturellen Probleme sind in der Tat vorhanden. Und wenn man dazu noch ins Spiel wirft, dass diese in einem völlig veralteten Beamtensystem vorherrschen, ist es nicht verwunderlich, dass Menschen anfangen zu leiden.

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  3. Schule macht verrückt, definitiv. Und vor allem hier in RLP! Wenn man wie ich aus Schleswig-Holstein stammt, leidet man sehr unter dem aufgedrückten Stempel des Zugereisten. Meine Kollegen akzeptieren mich einfach nicht, ich spreche weder diesen blöden Dialekt noch trinke ich gern Wein. Verloren auf weiter Flur. Sie lästern über mich ohne Ende. Gubts bestimmt auch in anderen Berufen, aber ich bin nunmal Lehrerin.

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  4. Eindeutig, Schule macht vielleicht nicht immer verrückt, aber sie macht krank. Ich arbeite an einer Schule (Berufsschule) im nördlichen RLP. Wir haben einen Schulleiter, der sich als Didaktor und Mobber ausweist und das gesamte Kollegium unterdrückt. Die innere Kündigung haben bei uns schon viele Kollegen vollzogen, der Krankenstand ist enorm hoch. Einige Kollegen sind derart gemobbt worden, dass sie über Jahre krank waren und auf eine Versetzung lange warten mussten. Die ADD wusste und weiß darum, der Schulleiter bleibt trotzdem im Amt. Man kennt sich eben. Hier im nördlichen RLP müsste dringend etwas passieren hinsichtlich Strukturen, Vetternwirtschaft und Beziehungen hinsichtlich Schulleitungen und ADD. Due Arbeitsunzufriedenheit ist enorm hoch. Viele Kollegen schlucken den Frust runter und werden dadurch krank, mürbe, abgeschlagen, berufsmüde. Mag in der Pfalz anders sein, aber hier oben, KATASTROPHE!!!

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