E-Mails, nein danke… die Fortsetzung

E-Mail„Hast du schon die Zeitung gelesen?“, tönt es ohne Guten-Morgen-Gruß in durch meinen Telefonhörer, es ist 06:45 Uhr und es ist Alexa.

„Guten Morgen erstmal. Welche Zeitung? Was kann so wichtig sein, dass du mich noch vor dem ersten Schluck Kaffee anrufst?“

„Ach komm, Ela, du bist wegen der Kinder immer so früh wach. Also los, hol die Rhein-Zeitung aus dem Kasten und lies den Artikel links, Seite 1, okay?“

Der Artikel ist in der Tat höchst interessant und bestärkt uns Mädels mit unserem Beitrag vom 02. Juni. „Deutsche wollen nicht ständig erreichbar sein – Umfrage Mehrheit will sich durch SMS und E-Mails nicht unter Druck setzen lassen“ (leider lässt sich der Artikel nicht verlinken, die Rhein-Zeitung hat ihn nicht freigegeben) springt mir als Titelzeile entgegen. Ein Vergleich zu anderen Ländern wird aufgezeigt, viel wichtiger sind uns allerdings die Aussagen dazu, dass die Umfrage eindeutig einen Beleg dafür liefert, dass ständige Erreichbarkeit ungesund ist. Ein Zusammenhang zwischen Stress und psychischen Erkrankungen liegt nahe und eine überhäufte E-Mail-, SMS- bzw. Handy-Kommunikation nach Feierabend steht seit Längerem in der Kritik. Die Gesundheitspsychologin Julia Schamhorst wertet die Ergebnisse der Umfrage aus und stellt eindeutig fest, dass der Druck für Erreichbarkeit mit ständigen Erwartungen einer sofortigen Reaktionen absolut ungesund ist, weil wir überhaupt keine Gelegenheit mehr haben, abzuschalten und uns gehen zu lassen. Weiter ist zu lesen, dass einige Unternehmen den Gesundheitsschutz ihrer Angestellten regeln und schriftlich fixieren. Laut Frau Schamhorst hat bei BMW jeder Arbeitnehmer ein Recht auf Unerreichbarkeit nach Feierabend fest in seinen Arbeitspapieren verankert. Was sagt man dazu?

Wie sieht es bei uns aus?

Wir hatten uns allesamt entschieden, eine Ansage im Lehrerzimmer durchzuführen und im Sekretariat eine schriftliche Notiz zu hinterlegen, die besagt, der Einzelne bekunde, sich dem schulischen E-Mail-Verkehr von Freitag 18:00 Uhr bis Montag 08:00 Uhr zu entziehen, da eine landesgesetzliche Regelung zur Sichtung von E-Mails in keiner Landesgesetzgebung verankert sei und ein Recht auf Freizeit bestünde.

Ela: Im Lehrerzimmer wurde nach der Ansage geklatscht. Jede Menge anderer Kollegen sprangen mit ins Boot, nahmen sich Zettel und Papier und gaben ähnliche Erklärungen im Sekretariat ab. Ein Schulleitungsmitglied berief für den kommenden Schultag eine eilige kleine Dienstbesprechung im Lehrerzimmer in der großen Pause ein und fragte nach, wo der Schuh drücken würde. Ela erklärte, er schrieb Notizen, andere Kollegen fielen mit ein. Und siehe da, zwei Tage später gab es ein schulinternes Rundschreiben an alle Kollegen, dass man im Rahmen der Rücksichtnahme auf Freizeit bitte vom Versenden zu vieler E-Mails, vor allem aber am Wochenende, verzichten möge, die Schulleitung wolle mit bestem Beispiel voran gehen. Aber hallo? Wer hätte das gedacht?

Alexa: Gleiche Ansage, gleiche Info ans Sekretariat. Sie wurde etwas belächelt, so viel E-Mails wären es ja nun auch nicht und in der Schuljahresendzeit verschicke man nun auch mal am Wochenende etwas. Man würde ja schon darauf achten, dass es sich nur um wichtige Informationen handeln würde usw. Über Tage hin wurde diskutiert, die Wogen gingen etwas hoch, bis der Personalrat eine Abstimmungstafel im Lehrerzimmer ausstellte und um ein Feedback bat bzgl. der E-Mail-Post. Ergebnis: 75 % trugen sich bei „eindeutig zu viele E-Mails am Wochenende ein“. Nun will der Personalrat auf der kommenden Gesamtkonferenz einen Vorschlag ausarbeiten. Auch toll, oder?

Tamara: Gleiche Ansage, gleiche Info ans Sekretariat. Dass es in dieser Schule schwierig werden würde, war uns allen im Vorhinein schon klar. Immerhin hatte Tamara uns ja den Anstoß gegeben mit ihren unsagbar vielen E-Mails. Im Lehrerzimmer wurde nur gestöhnt. Aussagen wie: Willst du etwa wieder bergeweise Papier im Fach haben? In der Pause sehen wir uns ja nie, wie soll man da alles loswerden? Wie soll ich den erreichen, der nimmt ja noch nicht mal das Telefon ab? Aushänge beachte doch eh niemand, also sind E-Mails wichtig! – usw. usw. kamen über die arme Tamara hereingestürmt. Dieser Gesprächsterror riss drei Tage nicht ab, viele Kollegen attackierten Tamara regelrecht und sie bekam sogar die ein oder andere verletzende Bemerkung zu hören. Am Freitag wurde sie zur Krönung des ganzen Theaters zum Schulleiter einbestellt. Er war mit wütendem Unterton behaftet (Zitat Tamara) und plärrte Tamara an, es wäre nicht ihre Aufgabe, die schulinterne Kommunikation zu hinterfragen. Man (wenn ich dieses „man“ höre, stellen sich mir die Nackenhaare hoch) tut so etwas nicht, das wäre respektlos seinen Vorgesetzten gegenüber. Tamara hatte vorsichtshalber eine Kollegin gebeten, mit zum Gespräch zu kommen. Das war gut angedacht, die Kollegin unterstützte Tamara tatkräftig und zwang den Schulleiter, den PC zu öffnen. Die Kollegin zeigte an ihrem E-Mail-Account, wie viele E-Mails sie ständig bekäme, viele mit roten Ausrufezeichen versehen oder einem „Dringend“ in der Betreffzeile. Der Schulleiter meinte lediglich, wenn sie beide nur wüssten, wie viele E-Mails er pro Tag bekäme und er würde sich auch nicht beschweren. Nochmals wurde wohl klar gestellt, dass es sich bei den Beschwerden um freie Zeit am Wochenende handele. Es gab ein hin und her, zahlreiche Argumente wurden ins Feld geworfen, von jeder Seite, hin und her. Schließlich meinte der hinzugestoßene stellv. Schulleiter, dass Tamara und ihre Kollegin auf einer Konferenz in 14 Tagen das Thema als Vortrag und Antrag stellend dem Kollegium vortragen sollen. Das wars erstmal. Tamara und die Kollegin sind bedient. Sie fühlen sich gesteinigt, und jetzt sollen sie diesem aufgewühlten Kollegium auch noch bei einer Konferenz entgegen stehen und sich wahrscheinlich weiter steinigen lassen.

Aber: heute erschien glücklicher Weise dieser tolle Artikel. Die entsprechende Umfrage wurde in vielen Zeitungen besprochen, genug Futter. Außerdem haben Alexa und ich noch die Idee entwickelt, eine Gesundheitsexpertin zur Konferenz einzuladen, Alexa kennt eine gute Psychologin. Wir denken, so sind sie gut gewappnet.

Michael Eckert, Vorstandsmitglied des Deutschen Anwaltsvereins, sagt, dass kein Arbeitgeber von Beschäftigten nach Feierabend, am Wochenende oder in den Ferien verlangen kann, dass man erreichbar ist. So etwas gelte nur für Jobs mit Notfallbesetzungen (Ärzte, Apotheker, Installateure…). Die hätten dann allerdings auch entsprechende vertragliche Regelungen.

Wäre noch die Frage zu klären, ab wann hat ein Lehrer Feierabend? Dazu sollte sich doch unsere neue Bildungsministerin, Frau Dr. Stefanie Hubig, mal Gedanken machen. Denn von ihr haben wir in den vergangenen 4 Wochen nichts vernehmen können, außer irgendwelcher belangloser Schulbesuche. Als Juristin will sie scheins vor Ort erstmal Erfahrungen sammeln…

LG aus dem Lehrercafe, eure Ela

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7 Gedanken zu “E-Mails, nein danke… die Fortsetzung

  1. Da habt ihr ja mächtig Trubel in die Kollegien gebracht. Schön, dass es in zwei Fällen doch insgesamt positiv aufgenommen wurde. Die dritte Schule … Tja … Ich bin optimistisch und glaube an die Kraft des besseren Arguments. Nur nicht locker lassen, der Linke in mir singt: Wir fürchten nicht, ja nicht, den Donner der Kanonen.
    In diesem Sinne: Solidarität. 🙂

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  2. Vielen Dank für das Update! Ich finde es unheimlich spannend zu lesen, wie eure Vorsötze in der Realität umgesetzt werden und wie unterschiedlich die Reaktionen an den Schulen sind.

    Toi toi toi an Tamara für die Schulkonferenz! Bitte berichtet weiter.

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  3. Kann ich kaum glauben, dass eine Schulleitung so reagieren kann wie bei Tamara – die Kollegen haben sich aber auch schon in die geduckte Haltung begeben, ganz schlecht. Was sagt eigentlich der Personalrat?

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