Alle Halbjahre wieder: Abgelehnt – Versetzung ade…

Gestern war es wieder soweit, die „Freitagsbriefe“trafen ein.

Hierbei handelt es sich um Dienstpost unserer Schulaufsichtsbehörde, die wohl in jedem Bundesland eine andere Bezeichnung trägt (Bezirksregierung, Schulamt…). Bei uns nennt sich diese Institution ADD. Die Buchstaben stehen für Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion, von uns Lehrern (jedenfalls den normal denkenden) auch „liebevoll“ in das Amt der Dichter und Denker umbenannt. Die obszöne Bezeichnung wollen wir hier lieber weglassen.

Freitagsbriefe deswegen, da jegliche unangenehme, in Aufregung versetzende und des Inhalts bezüglich negative über den Dienstweg versandte Post grundsätzlich an Freitagen ihren Empfänger erreicht und damit in der Regel für ein versautes Wochenende sorgt. Absicht? Wir glauben beinahe: ja.

Nanes Freitagsbrief wird ihr nicht nur ein schlimmes Wochenende bereitet haben, der Frust über den gelesenen Text wird gewiss noch darüber hinaus anhalten. Der Inhalt ihres Briefes bescherte ihr eine erneute Ablehnung ihres Versetzungswunsches an eine andere Schule mit der lapidaren Begründung: „…aus schulorganisatorischen Gründen…“, was in Elas Lehrerzimmer für mächtig Stimmung sorgte gestern Vormittag.

Es war Nanes 6. Antrag. Sie ist seit 2 1/2 Jahren geschieden (Exmann verabschiedete sich ins Ausland), somit allein erziehend, 3 Kinder im Alter zwischen 5 und 11 Jahren. Welchen Spagat sie leistet zwischen Haushalt, Kindererziehung und Beruf brauchen wir an dieser Stelle sicher keinem zu erläutern. Ihr einziger Wunsch besteht lediglich darin, in einen 80 km entfernten Ort versetzt zu werden. Dort wohnen ihre Eltern, die ihr gern unterstützend unter die Arme greifen möchten, es auf diese Entfernung aber nicht oft genug schaffen.

Dieses Mal standen die Sterne so günstig wie nie. Es gab nämlich einen direkten Tauschpartner, gleiche Fächerkombination – perfekt. Aber, keine Chance, die ADD interessiert sich nicht für persönliche Bedürfnisse, auch nach 6 Anträgen und zahlreichen Vorsprachen nicht. Ein Telefonat mit dem Tauschpartner setzte dem Ganzen die Krone auf: er wurde versetzt, aber an eine andere Schule, an die ja auch er nicht wollte.

Wir sitzen bei Cappuccino und mehr und schütteln die Köpfe und reden uns in Rage. Was soll dieses Machtgehabe und die Willkür bei Entscheidungen solcher Belange? Klar, einen Rechtsanspruch auf Versetzung besteht nicht bei Beamten. Allerdings hat der Dienstherr zu beachten, dass er im Rahmen des Dienst- und Treueverhältnisses für das Wohl des Beamten und seiner Familie zu sorgen hat. Für welches Wohl hat der für Nane zuständige Schulaufsichtsbeamte oder die -beamtin gesorgt? Zum wiederholten Mal? Wir sind fassungslos.

Wie sollen Lehrer, denen man systemisch immer wieder das Rückgrad bricht, mit aufrechtem Gang in die nächste Unterrichtsstunde gehen? Wo sollen sie ihre Motivation hernehmen, wenn sie derart gebrochen werden? Sich im 21. Jahrhundert auf ein völlig überaltertes Beamtenrecht und einem Hörigkeitsprinzip  zu stützen als ADD-Beamter/in, welches an Zeiten wie vor hundert Jahren erinnert, immer wieder auf das Loyalitätsprinzip gegenüber dem Dienstherrn zu pochen (wie er/sie es beim Telefonat gegenüber Nane tat), hat irgendwie wenig mit der heute vorherrschenden demokratischen Gesellschaftsordnung gemein sondern entspricht eher willkürlichen Auslegungen antiquierter Strukturen, die wir für absolut veränderungswürdig befinden.

Stellt sich die Frage: Was benötigen wir?

Wir benötigen in unserem Land dringend ein neues Beamtenrecht, welches sich durch freie Meinungsäußerung (denn auch hier sind verbeamtete Lehrer mehr als eingeschränkt), Unabhängigkeit und einer Übernahme von persönlicher Verantwortung im Namen der Wahrheit, des Rechts und der Gerechtigkeit auszeichnet im Einsatz für eine echte Demokratie und einem Rechtsstaat, der somit seinen Namen verdient.

Für Nane käme dann folgendes Recht heraus: eine Lehrkraft darf sich den Dienstort verbunden mit dem dazugehörigen Dienstherrn frei wählen und ohne Angabe von Gründen wechseln. Über den Einsatz an der gewünschten entscheidet eine unabhängige standardisierte Kommission.

Wir allerdings sind uns sicher: bis wir solche Rechte zugesprochen bekommen, sind wir alle längst pensioniert oder der Deckel über uns ist bereits zugeklappt.

Seufz…Nane tut uns leid, wir trösten sie im Geiste und machen alle so weiter wie bisher…

LG aus dem Lehrercafe

 

 

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11 Gedanken zu “Alle Halbjahre wieder: Abgelehnt – Versetzung ade…

  1. „Wir allerdings sind uns sicher: bis wir solche Rechte zugesprochen bekommen, sind wir alle längst pensioniert oder der Deckel über uns ist bereits zugeklappt.“
    So wird es sein. Der Staat (oder seine Ausführenden) entscheiden autoritär von oben herab.
    Da könnte man noch viele Punkte ansprechen … (Beurteilung z. B.).
    Ich hoffe, die Kollegin packt es mit der Solidarität des Kollegiums, gibt nicht auf und klagt vielleicht einmal..

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    • Oh ja, Beurteilung wäre das nächste Thema incl. der Kriterien zur Entscheidung, wer bekommt welchen Posten. Tja und Nane, sie wird im September wieder einen Antrag abgeben, dieses Mal tatsächlich über ein Anwaltsbüro. Sie hat eine Rechtsschutzversicherung, die die Kosten übernimmt.

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  2. Das ist richtig blöd. Ich bin erstaunt, dass es das immer noch gibt. Ich bin glatt ein wenig erleichtert, kein Beamter zu sein. Mein Mitgefühl an Nane … Weitermachen. Das ist ein Zermürbungskrieg, den man gewinnen kann.

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  3. Die Seite, die man so vorher gar nicht recht kennen lernt, scheint mir. Ich lese euren Bericht mit dezentem Erschrecken und schüttle mitfühlend mit dem Kopf. Kann man nicht mehr tun, außer Anträge stellen und Briefe schreiben? Es gibt doch immer noch wen, der drüber zuständig ist, oder ist das schon die höchste Instanz?

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    • Können wir uns gut vorstellen. Vieles ist einem nicht bewusst, wenn man diesen Beruf ergreift (Gängeleien und Zwänge kennen wir allerdings auch schon aus dem Referendariat.). Wir glauben aber, es geht anderen Berufsgruppen auch so oder ähnlich.
      Ja, es gibt immer einen, der dadrüber zuständig ist. Der allerdings beruft sich auf die „Kompetenz“ des Schulaufsichtsbeamten und will nicht in dessen Bereich eingreifen. Und dann ist ja da auch noch der Schulleiter, eigentlich an erster Stelle des Prozedere, der auf dem Antragsformular ankreuzt, ob er der Versetzung zustimmt oder nicht. Vielmehr kreuzt er an, ob er die Lehrkraft freigibt oder ob er gleichwertigen Ersatz wünscht usw. Auch Stellungnahmen kann er verschriftlichen. Und das „Schöne“ daran ist, dass du das als Antragsteller nicht zu Gesicht bekommst. Du gibst den Antrag ab, der Schulleiter prüft und urteilt und gibt ihn weiter auf den Dienstweg zur ADD. Eine Kopie erhälst du als Antragsteller vom Schulleiter nicht mehr. Darum geht Nane auch zum Anwalt, um endlich mal eine Akteneinsicht zu gewinnen (natürlich in der Hoffnung, dass sich alles in der Akte befindet…).

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  4. Katastrophal. Klar, manchmal ist so ein Antrag mit Schwierigkeiten verbunden, aufgrund der Fächerkombination etc. pp. Aber wenn sich schon ein Tauschpartner findet, wo ist denn da das Problem? Das muss man ja nur noch abnicken, und damit sollten die lieben Idioten auf dem Amt für Durchfall doch Erfahrung haben, so, wie die idiotische Reformen abnicken.
    Und der Beamte hat auch einen Anspruch auf Fürsorge, wie ihr schreibt. Wo bleibt die aber, wenn einer Alleinerziehenden dermaßen ans Bein gepinkelt wird? Angesichts der Reaktion des Ansprechpartners beim ADD kann man fast schon Absicht vermuten.

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  5. Liebes Lehrercafe,
    neulich fragte ich eine Kollegin: Und gibst du nächstes Jahr wieder einen Versetzungsantrag ab? (Sie tut dies seit sieben Jahren.) Und sie antwortete: Nun brauche ich es nicht mehr, jetzt sind meine Eltern gestorben. (Sie hat sie sieben Jahre lang mehrmals die Woche gepflegt.)
    Warum sie von der Schule nicht wegkommt?: es gibt keinen Lehrer, der sie ersetzen kann. Die Zahlen auf dem Amt müssen stimmen. Solange sie keinen ganz sicheren Nachfolger hat, ist sie damit Gefangene des Staates. Ist es verwunderlich, dass sie in den letzten Jahren nicht gerade bekannt war für guten Unterricht? Sie hat resigniert.
    Hoffentlich hält eure Kollegin länger durch. In der Regel wird man nämlich zumindest in BaWü nach circa fünf Jahren versetzt. In der Regel…

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