Murmelrunde

Lehrerkonferenz14:30 Uhr  Mittwoch, großer Besprechungsraum

Gähn, nach 7 Stunden Unterricht, zwei Tassen Kaffee und einem Baguette aus der Kaffeeteria sitze ich hier und frage mich: WARUM? 4 Tage frei liegen vor mir, Feiertag + Ferientag + Wochenende. Ich könnte schon längst der Entspannung fröhnen wie meine Familie. Aber nein, es muss heute sein, Gesamtkonferenz, heute…

14:40 Uhr Herr Brause, Schulleiter in seiner Funktion und Visionär, was seines gleichen sucht, schafft es endlich, die mürrische Meute dafür zu begeistern, seiner Begrüßung zu lauschen. Er stellt die Tagesordnung mit einer unleserlichen Overheadprojektorfolie vor. Der unfassbare Blick anwesender Referendare sagt mehr als eindeutig aus, dass sie gerade einen Vergleich ziehen zur Anforderung  von zu benutzenden Medien für Unterrichtsbesuche und Lehrproben.

14:43 Uhr Das Protokoll der letzten Gesamtkonferenz wird besprochen. Frau Kranwitz und Herr Dummholz bringen übliche Formulierungsanmerkungen vor. Es zieht sich. Die ersten stöhnen, andere blicken aus dem Fenster, die letzte Reihe liest, die vorletzte schwatzt. Ich sitze in der letzten. Mal schauen was es neues bei Focus online gibt.

15:00 Uhr Sagenhafte 17 Minuten sinnlosem Kommunikationsgeplänkel später tritt Herr Brause wieder hervor und legt weitere Folien auf. Der einzige weitere Tagesordnungspunkt steht an. 80 % schwelgen in der Hoffnung, dass sich die Sache bei dem  mageren Programm in einer halben Stunde erledigt hat und sie doch noch das verlängerte Wochenende mit einem heimischen Kaffee einläuten können. Aber daran denkt Brause noch lange nicht. Ein neues Lernkonzept muss her, hier an „seiner“ Schule, er/wir werden Vorreiter sein für das gesamte Bundesland, alle werden vor Neid erblassen, welche Vorreiterrolle werden wir einnehmen. Folie für Folie geht er durch, liest vor, holt ein Buch, liest aus diesem vor, ordnet durcheinander gebrachte Karteikarten, sammelt sich, stottert, fängt sich wieder und …

15:45 Uhr …fordert uns zu einer Murmelrunde auf. Lautes mich umgebendes Getöse lässt mich über die bereits nötig gewordene Lesebrille in die Runde schauen und den entsetzten Ausruf meiner lieben Kollegin Katja vernehmen. „Der spinnt doch!“, dabei stößt sie mir ihren Ellenbogen an den Oberarm. „Hast du das gehört? Der meint das wirklich ernst!“ Katja bufft nochmal ganz energisch. Das Hämatom ist gesichert. „Lass mich das doch mal zu Ende lesen. Ist echt spannend.“ Aber sie meint nur: „Du sollst nicht lesen, du sollst murmeln.“ „Bitte, was?“

15:46 Uhr Aufgebrachte Kollegen bringen ihren Unmut hervor, einige erheben sich bereits und machen sich auf den Weg in angrenzende Klassenräume – um zu murmeln. Wir begeben uns nach draußen, lieber Passivrauchen als pädagogisches Geschwafel im Inneren des Hauses.

16:15 Uhr Brause läutet zur kollektiven Zusammenkunft. Es vergehen 10 Minuten, bis endlich alle da sind. In den kommenden 30 Minuten ergießen sich mehrere Pseudopädagogen in redeschwallartigen Ergüssen über die Sinnhaftigkeit des neuen Lernkonzepts. Natürlich stellt es niemand in Frage. Die Kritiker halten sich galant zurück, immer in der Hoffnung schwebend, dass das Ganze so schneller ein Ende findet. Es kraucht in mir hoch, dieses Hassgefühl gegen jene selbsternannten Experten, die glauben, die pädagogische Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, damit ihr Umfeld zu belästigen versuchen und mir meine Zeit rauben.Und so dozieren sie Brause ihre Meinungen entgegen. Ich könnte …

16:55 Uhr Murmelrunde 2 wird ausgerufen. „Murmeln Sie noch einmal meine lieben Kollegen. Murmeln Sie über mein Konzept und die Vorschläge ihrer werten Kollegen, murmeln Sie, murmeln Sie…“ Jetzt kommen die ersten Zwischenrufe, man sei doch kein Murmeltier, es sei schon fast fünf – keine Chance. 30 Minuten murmeln.

17:25 Uhr Nach einer weiteren ungesunden Runde im Freien mit Menschen, die alle glauben, sie wären im falschen Film, kehren wir zurück mit dem festen Entschluss, der Veranstaltung ein Ende zu setzen. Die letzte Reihe bleibt stehen und greift zu den Taschen. Demonstrativ wird angezeigt, es reicht. Brause versteht die Botschaft und bittet noch um Reflexion. Er zerrt an der Flipchart, die mit gelben Smilies übersät ein Kreuzchen von uns erwartet. Zettel werden verteilt, mit der Bitte, um Anregungen zum neuen Konzept. Eine Abstimmung wird gnädiger weise auf die Folgeveranstaltung verschoben – am letzten Schultag.

17:32 Uhr Ich sitze im Auto und schäume vor Wut beim Blick auf die Uhr.

18:20 Uhr 48 Minuten für eine 7 km Wegstrecke, Stau im Feierabendverkehr. Das i-Tüpfelchen des Tages.

18:21 Uhr Mein Mann begrüßt mich mit der Frage, wo ich denn jetzt erst herkäme, woraufhin ich entgegne: „Wo ist der Rotwein?“

Keine Antwort statt dessen noch eine Frage: „Was habt ihr denn so lange besprochen?“

Und ich: „Keine Ahnung, wir haben gemurmelt.“

„Und was hat das gebracht“

„Nichts.“

Das nächste Mal habe ich definitiv um 13:00 Uhr gaaaaaaaanz starke Kopfschmerzen.

Viele Grüße aus dem Lehrercafe, eure Alexa

 

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11 Gedanken zu “Murmelrunde

  1. Jaja, immer schön, wenn man als Referendar sieht, wie erstklassig die lieben Kollegen beim Umsetzen der Anforderungen für Lehrproben so sind. Da kann man schon mal Hals bekommen. ^^‘

    Ich hatte das Vergnügen, an einer GLK teilzunehmen, und nachdem die an die 4 Stunden gedauert hat, bei denen mal so gar nichts herauskam, muss ich sagen: Ich bin heilfroh, dass dieser Kelch an mir vorbeiging, und ich habe großes Mitleid mit allen Lehrern, die sich das antun müssen.

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    • Tja, in der Frage „liegt wohl der Hund begraben“ und in der Tat, kam sie auch bei vielen Kollegen während des „Murmelns“ auf. Man hätte auch einfach eine schnelle Umfrage, ein Abfragen oder ähnliches abhalten können. Denn am Ende wurden ja tatsächlich Zettel verteilt mit der Bitte um Anregungen. Das hätte Herr Brause auch gleich haben können. Dann hätte er den Kollegen nicht unnötig Zeit und Nerven geraubt.
      PS: Danke fürs Vorbeischauen. Wir freuen gerade tierisch über die vielen Besucher.

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